Samstag, 19. Juli 2025

Wegwarte


Ein stilles Blühen am Rand der Zeit
Am frühen Sommermorgen, wenn die Luft noch klar und frisch ist und die Straßen von Dorfen langsam erwachen, öffnet sich ein blaues Wunder am Wegrand – die Wegwarte. Ihre himmelblauen Zungenblüten leuchten aus dem Gras, als hätten sie den Himmel selbst eingefangen. Sie steht da, mit nackten Füßchen im Staub, das Gesicht dem Licht zugewandt, und erinnert an das Gedicht vom Mädchen im blauen Kleide, das schweigend wartet – auf etwas, das vielleicht nie kommt.

Diese Pflanze, die so unscheinbar am Straßenrand beginnt, ist voller innerer Kraft. Die Wegwarte ist kein zartes Pflänzchen – sie ist eine Pionierin. Mit ihrer tiefreichenden Pfahlwurzel durchdringt sie trockene, feste Böden, trotzt dem Salz, der Hitze, dem Tritt. Sie ist standhaft – wie ihre Bedeutung in der Blumensprache: Sehnsucht und Standhaftigkeit. Ihre Stängel stehen aufrecht, kantig, rau, fast trotzig – und doch öffnet sie jeden Morgen ihre zarten Blüten für ein paar Stunden, als wolle sie die Welt mit Hoffnung überschütten.

Oft sieht man sie allein, doch nie wirklich verlassen. Sie wächst bei Feldern, auf alten Ruderalflächen, an staubigen Wegen und zwischen Schienen. In Dorfen blüht sie an den Rändern der menschlichen Aufmerksamkeit, dort, wo niemand genau hinsieht – und gerade dort entfaltet sie ihre ganze Schönheit. In ihrem kurzen Tagesglanz liegt eine stille Melancholie. Denn ihre Blüten öffnen sich nur für wenige Stunden – zwischen vier und siebeneinhalb Stunden – je nach Licht, Wärme und Besuch durch die Bienen und Schwebfliegen. Am frühen Nachmittag schließt sie sich wieder, zieht sich zurück in ihr grünes Kleid – und ist kaum mehr zu erkennen im umgebenden Gras.

Sie blüht von Juni bis Oktober, ein ganzer Sommer voll Sehnsucht. Selbst im Herbst, wenn der Wind schon kühler über die Felder weht, zeigt sie noch einzelne Blüten am späten Nachmittag, als wolle sie noch einmal sagen: „Ich warte.“

Doch die Wegwarte ist mehr als bloße Blume. Sie schenkt dem Menschen Nahrung. Ihre Laubblätter, bitter und kräftig, lassen sich zu Salaten, Gemüse und Suppen verarbeiten. Ihre Pfahlwurzel birgt Inulin, ein besonderes Speicherkohlenhydrat, das den Magen nährt und das Herz wärmt. Aus ihr wird Zichorienkaffee gewonnen – ein Getränk aus vergangenen Zeiten, das den Duft der Erde in sich trägt. Chicorée, Radicchio, Zuckerhut – all das entspringt ihr, dieser Pflanze, die scheinbar einfach nur da steht und wartet.

Wenn ich an einem heißen Julitag durch Dorfen gehe, vielleicht barfuß, wie das Mädchen im Gedicht, und an der Landstraße entlanglaufe, dann sehe ich sie dort stehen. Die Wegwarte. Nicht laut, nicht schrill – aber mit einer Würde, die mich still werden lässt. In ihrer Blüte liegt kein Lärm, sondern eine leise Frage: Wartest du auch? Hoffst du noch?

Und während ich weitergehe, weiß ich: Ja. Wie sie warte auch ich. Und blühe, still, am Wegrand des Lebens.
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300 v. Chr. - Theophrast
Der griechische Botaniker Theophrast beschreibt bereits den kultivierten Anbau der Wegwarte und Endivie.

1. Jh. n. Chr. - Römische Kochbücher
In römischen Kochbüchern (z.B. Apicius) erwähnt man die Wurzel als Gemüse, oft gekocht oder mit Essig serviert.

77 - Plinius
Cichorium ist die lateinische Version des griechischen Namens für Zichorie und Wegwarte sowie Endivie. Das altgriechische Wort ist ein Fremdwort aus dem Ägyptischen, da die Wegwarte und die Endivie nach Plinius zuerst in Ägypten als Heil- und Salatpflanzen kultiviert werden.
Das Artepitheton geht auf das lateinische Wort intubus für Zichorie, Endivie zurück, das mit dem ägyptischen Wort tybi für Januar verwandt ist, da die Laubblätter der Endivie meist als Wintersalat gegessen werden.

770 - Landgüterverordnung Karls des Großen
Die Gemeine Wegwarte wird spätestens seit dem Mittelalter zur Arzneimittelherstellung genutzt. Sie ist eine der Pflanzen aus der Landgüterverordnung Karls des Großen.

1250 bis 1500 - Liebeszauber
Vor allem aus dem ausgehenden Mittelalter sind viele Mythen bekannt, die der Wegwarte unglaubliche Zauberkräfte, vor allem im Liebeszauber, zuschreiben.
Eine Wegwarte unter dem Kopfkissen der Jungfrau lässt ihr im Traum den zukünftigen Ehemann erscheinen.
Wird die Pflanze am Peterstag mit einem Hirschgeweih ausgegraben, dann kann man jede Person betören, die man damit berührt.

1529 - Paracelsus
Paracelsus empfiehlt die Gemeine Wegwarte als schweißtreibend.
Volkstümliche Anwendungen umfassen Appetitanregung (ganze Pflanze), Stimulierung der Sekretion von Verdauungssäften und abführende Wirkungen.

1617 bis 1680 - Fruchtbringende Gesellschaft
In der Fruchtbringenden Gesellschaft wird Siegmund Wiprecht von Zerbst die Gemeine Wegwarte zugeordnet.

1750 - Zichorienkaffee
Die Wurzelzichorie wird geröstet zunächst dem Bohnenkaffee zugesetzt, um diesem mehr Farbe und Bitterkeit zu verleihen.
Ab Mitte des 18.Jhs. wird sie auch allein als Kaffeegetränk („Ersatzkaffee“) verwendet.
Als Erfinder des Zichorienkaffees (Muckefuck) gelten der kurhannoversche Offizier Christian von Heine aus Holzminden und der Braunschweiger Gastwirt Christian Gottlieb Förster, die um 1769/70 Konzessionen für den Betrieb von Zichorienfabriken in Braunschweig und Berlin erhalten. Gefördert wird der Anbau durch Friedrich den Großen.

1800 - Heinrich von Ofterdingen
Einer alte Sage nach sind die Blüten der Wegwarte die blauen Augen eines verwandelten Burgfräuleins, das am Wege vergeblich auf die Rückkehr ihres Geliebten vom Kreuzzug in das Heilige Land wartet.
Man mag hierin Motive des Romans Heinrich von Ofterdingen von Novalis wiedererkennen. Fraglich ist jedoch, ob in der Wegwarte etwa eine reale Entsprechung des Symbols der Romantik, der „blauen Blume“, gesehen werden kann, das diesem Roman von Novalis entstammt.

1806 bis 1813 – Kaffeeembargo unter Napoleon
Im Zuge der Kontinentalsperre gegen England ist der Import von Bohnenkaffee verboten. Ersatzprodukte wie Zichorienkaffee gewinnen stark an Bedeutung. Die Wurzelzichorie wird als einheimische Alternative zum Kolonialkaffee geschätzt.

1850 - Wurzelzichorie
Mitte des 19.Jhs. wird Wurzelzichorie weit verbreitet angebaut, heute spielt sie jedoch im Zusammenhang mit ihrer ursprünglichen Nutzung als Kaffeegetränk keine große wirtschaftliche Rolle mehr.

1846 - Chicorée
Der Chicorée, auch Salatzichorie, findet als Lebensmittel in der Küche Verwendung. Die Zuchtform entsteht im 19.Jh.
Nach einer Überlieferung zieht der Chefgartenbauer am Botanischen Garten in Brüssel, Bresier, 1846 die ersten Chicoréesprossen. Die Wurzeln lässt er zwar noch im Freiland wachsen, zum Sprossen verhüllt er sie jedoch lichtdicht, so dass sie möglichst wenig Bitterstoffe entwickeln.

1870 - Belgischer Chicorée
In Belgien werden Witloof-Chicory-Knospen durch Dunkelzwang entdeckt, die heutzutage Belgischer Chicorée genannt werden.

1885 bis 1890er - California Chicory Works
In den USA entsteht etwa 1885 die California Chicory Works, eine der größten Chicory-Fabriken zur Kaffeeherstellung.

1886 - Sebastian Kneipp
Kneipp verwendet die Gemeine Wegwarte bei Magen-, Darm- und Lebererkrankungen. In der Pflanzenheilkunde wird sie zur Stimulierung und zur Heilung von Milz, Leber und Galle eingesetzt, aber auch zur Reinigung bei Hautkrankheiten und Ekzemen.

1888 - Isolde Kurz
Von Isolde Kurz gibt es ein Gedicht mit dem Titel Die Wegwarte, dass das Motiv bei Novalis aufgreift.

1911 - Der kleine Rosengarten
Der Heidedichter Hermann Löns widmet in seinem Band Der kleine Rosengarten der Wegwarte ein Gedicht.

1938 - Gerhard Madaus
Gerhard Madaus schreibt 1938 über die GemeineWegwarte: „Wegen seiner umfassenden Wirksamkeit und Zuverlässigkeit wird Cichorium zu den wichtigsten Pflanzenheilmitteln gezählt“.

2005 - Gemüse des Jahres
Im Jahr 2005 ist die Gemeine Wegwarte „Gemüse des Jahres“ in Deutschland.

2009 - Blume des Jahres
Im Jahr 2009 ist die Gemeine Wegwarte „Blume des Jahres“ in Deutschland.

2020 - Heilpflanze des Jahres
In China und den USA wird Cichorium intybus – auch transgene Formen – kommerziell als Futterpflanze angebaut. Im Jahr 2020 ist die Gemeine Wegwarte „Heilpflanze des Jahres“ in Deutschland.

2025 - Caro-Kaffee und Inulin
Der Anbau der Wurzelzichorie erlebt gegenwärtig eine Renaissance, da aus ihr der von der Lebensmittelindustrie vermehrt für Functional Food eingesetzte, präbiotische Ballaststoff Inulin gewonnen wird.
Ein weiteres Handelsprodukt mit einem Anteil an Wurzelzichorie unter seinen Inhaltsstoffen ist Caro-Kaffee.

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