Ich weiß um die romantische Schönheit von Stofftaschentüchern. Ich sehe sie vor mir: kunstvoll bestickt, mit weichen Kanten, liebevoll gefaltet, wie ein Hauch von Vergangenheit. Sie erinnern an Sonntage bei der Oma, an weiße Taschentücher mit Initialen, vielleicht sogar mit dem Duft von Lavendel. Sie sind nachhaltig, edel, ein Zeichen bewusster Pflege. Und doch – ich entscheide mich anders.
Denn ich bin ein Mensch, der das Bedürfnis nach Hygiene tief in sich trägt. Wenn ich erkältet bin, wenn meine Nase läuft, wenn mein Körper sich wehrt gegen das Außen, dann will ich nichts aufheben, nichts aufbewahren, nichts wiederverwenden. Ich möchte loslassen, was mich belastet. Ein Papiertaschentuch erlaubt mir genau das: Ich schnäuze hinein – und werfe es weg. Keine Spuren, keine Zweifel, keine Keime, die in meiner Jackentasche weiterleben.
Natürlich weiß ich: Die Umwelt leidet. Für jedes Papiertaschentuch werden Bäume gefällt, Wasser verbraucht, Energie eingesetzt. Ich versuche, achtsam zu sein – und doch bleibt meine Entscheidung bestehen. Stofftaschentücher müsste ich waschen, bei hohen Temperaturen, mühsam trocknen, glatt streichen. Ich müsste benutzte Tücher mit mir tragen – feucht, manchmal voller Schleim, schwer im Herzen. Das möchte ich nicht.
In Momenten der Schwäche bin ich verletzlich. Ein Papiertaschentuch tröstet mich. Es ist sanft, wenn meine Nase gerötet ist. Es ist diskret, wenn ich im Café niesen muss. Es ist stark, wenn ich Tränen weine, und leise, wenn ich allein bin. Ich kann es knüllen, falten, verstecken – oder ganz einfach gehen lassen. Es ist mein kleiner Akt der Fürsorge für mich selbst.
Ich weiß: Es gibt Menschen, die beides nutzen – Stoff für zu Hause, Papier für unterwegs. Auch das ist klug. Aber ich spüre in mir ein tiefes Bedürfnis nach Sauberkeit, nach Klarheit, nach einem Neuanfang bei jedem Atemzug. Papiertaschentücher schenken mir genau das: einen kleinen, frischen Anfang, immer wieder neu, in jeder Falte, in jeder Berührung.
So wähle ich sie – aus Angst vielleicht, aus Gewohnheit sicher, aber auch aus Liebe zu mir selbst. Ein Papiertaschentuch ist für mich kein Wegwerfartikel. Es ist ein Zeichen. Ein Symbol für das, was ich mir wünsche: ein Leben, das mich schützt – sanft, sauber, und ein wenig zärtlich.
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Ab 500 v. Chr. - Römische Etikettetücher
In der römischen Antike gibt es Schweiß- und Mundtücher, die jedoch nicht zum Naseputzen benutzt werden, sondern als Etikettetücher dienen.
1. Jahrhundert v. Chr. - Schweißtücher
Schweißtücher erwähnt erstmals der Dichter Catullus mit der Bezeichnung Sudarium (lat. Schweiß). Sie sind aus ägyptischem Leinen und werden in eine Gewandfalte der Toga gesteckt.
1. Jahrhundert n. Chr. - Mund- und Begrüßungstücher
Um Christi Geburt kommt das Orarium (lat. Mund) auf. Außerdem gibt es in der Antike bereits Servietten, die Mappa heißen.
Unter Kaiser Aurelian wird es Sitte, im Theater hohe Persönlichkeiten und beliebte Schauspieler durch das Schwenken farbiger Tücher zu begrüßen.
Mappa und Orarium bleiben als liturgische Symbole in der christlichen Messzeremonie erhalten.
Bis 500 n. Chr. - Sudarium in christlicher Liturgie
Das Sudarium ist ein zentraler liturgischer Begriff in der christlichen Kirche, z.B. als Tuch von Veronika oder in Bezug auf das „Schweißtuch Christi“, auch spielt es in der Passion Christi eine symbolische Rolle.
6. bis 15. Jahrhundert - Fingerschnäuzen
Im europäischen Mittelalter schnäuzen sich alle Schichten mit den Fingern und wischen diese anschließend an der Kleidung ab, von den Niederen bis zum Adel. Das stellt keinen Verstoß gegen die guten Sitten dar und es fehlt auch das medizinische Wissen über Tröpfcheninfektion. Taschentücher sind noch nicht in Gebrauch.
6. bis 15. Jahrhundert - Feine Fingerschnäuzart
Seit dem Mittelalter bürgert sich eine feinere Art des Schnäuzens ein. Während das „niedere“ Volk die rechte Hand benutzt, mit der gegessen wird, schnäuzen sich Personen aus gehobenen Kreisen – zumindest während einer Mahlzeit – nur mit der linken Hand, vorzugsweise nur mit zwei Fingern.
Ab 11. Jahrhundert - Turniertuch als Liebespfand
Seit dem 11.Jh. spielen die Turniertücher eine Rolle als heimliches Liebespfand beim Minnedienst. Als Treuepfand nehmen Ritter es mit in den Kampf und geben es der Angebeteten, meist getränkt mit Schweiß und Blut, hinterher zurück. Mitunter werden solche Tücher offen an der Lanze befestigt, wenn die Besitzerin nicht mit einem anderen verheiratet ist.
Um 1300 - Erstes Taschentuch
Der Weber Baptiste Chambray aus Cambrai (Flandern) stellt um 1300 die ersten Taschentücher aus Stoff her. Unter dem Namen Drapesello panetto di naso (einfache Tücher aus Stoff zum Naseputzen) wird es nur vereinzelt gebraucht. Es wird in einer Tasche am Gürtel aufbewahrt.
1447 - Luxusartikel
Etwa um 1447 wird das Taschentuch allmählich zum Luxusartikel.
15. Jahrhundert - Schweiß-, Nasen-, Hals- und Ziertuch, Tüchlein
In italienischen Kleiderinventaren aus dem 15.Jh. werden verschiedene Tücher genannt:
sudarioli (Schweißtücher), paneti und drapeselli (Tüchlein), paneti da naso (Nasentücher), paneti da copa (Halstücher), fazzoletto (Ziertuch), im Deutschen früher (etwa als Nasentuch gebrauchtes) Fazolett.
15. Jahrhundert - Ziertuch
Die größte Rolle spielen die Ziertücher, die oft reich bestickt sind und offen in der Hand getragen werden. Die kostbarsten Tücher dieser Art werden in Venedig hergestellt und exportiert, vor allem nach Frankreich.
Die Ziertücher werden von den Damen mit Parfum getränkt und als Liebespfand an Herren verschenkt; die Bezeichnung dafür ist mouchoir de Vénus.
Die Ziertaschentücher mit etwa 60 × 50 cm werden teilweise mit Goldfäden bestickt und mit Diamanten versehen.
16. Jahrhundert - Toilettetuch und Fingerschnäuz
Katharina von Medici führt im 16.Jh. das Toilettetuch am französischen Hof ein. Es wird mouchoir genannt und dient vor allem repräsentativen Zwecken.
Zum Schnäuzen benutzt der Adel zu dieser Zeit im Allgemeinen noch die Finger.
16. Jahrhundert - Erste Schnäuztücher
Die Benutzung des Taschentuchs zum Schnäuzen wird zunächst in Italien eingeführt und verbreitet sich von dort aus in Adelskreisen.
Vornehme Damen tragen das als kostbar geltende Tuch offen am Gürtel. Doch selbst Herrscher besitzen zunächst nur wenige Exemplare. Heinrich IV. von Frankreich hat Ende des 16.Jhs. lediglich fünf Taschentücher. Erst Ludwig XIV. besitzt eine größere Anzahl und Erasmus von Rotterdam, der einem Inventar zufolge 39 Taschentücher besitzt, gilt als Ausnahme.
Anfang 16. Jahrhundert - Schnüffeltücher
In Deutschland ist das Ziertuch seit Anfang des 16.Jhs. beim Adel als Fazinetel oder Fazittlein bekannt. Wegen der üblichen Parfümierung werden sie in den Kleiderordnungen als Schnüffeltücher bezeichnet, die den höheren Ständen vorbehalten sind.
1529 - Benimmbuch des Erasmus von Rotterdam
Aus dem 1529 erschienenen Benimmbuch des Erasmus von Rotterdam geht klar hervor, dass zu seiner Zeit das Taschentuch zwar bekannt, jedoch in den Oberschichten wenig verbreitet ist.
1574 - Die Mignons
König Heinrich III. von Frankreich beschenkt seine Günstlinge, die Mignons, mit Ziertücher.
17. Jahrhundert - Schnupftabak-Taschentücher
Als Luxusartikel dienen die Taschentücher vor dem 18.Jh. vor allem als Prestigeobjekte und zu dekorativen Zwecken und wrden allenfalls benutzt, um sich den Schweiß vom Gesicht zu wischen.
Mit dem Aufkommen des Schnupftabaks und der Verwendung der Ziertücher zur Säuberung der Nase verlieren die Tücher ihren Charakter als Luxusartikel.
Das öffentliche Schnäuzen gilt zunehmend als unschicklich.
1604 - Desdemonas Taschentuch
Eine wichtige Rolle spielt ein Taschentuch in William Shakespeares Othello: Desdemona verliert ein Taschentuch, das ihr Othello geschenkt hat. Das Taschentuch wird für Othello ein Indiz für Desdemonas Untreue, als er es bei Cassio findet. Dieser hatte es unwissentlich von Jago zugesteckt bekommen. Othello erdrosselt und ersticht daraufhin Desdemona.
1664 - Dorines Taschentuch
In der Komödie Tartuffe von Molière kommt ein Taschentuch im Dritten Aufzug, Zweiter Auftritt vor. Tartuffe reicht in dieser Szene Dorine ein Taschentuch mit den Worten: „O Gott! Ich bitte Sie, sich dieses Taschentuch erst vorzustecken, wenn Sie mir etwas auszurichten haben!“ Nachdem Dorine fragt: „Wozu“?, antwortet ihr Tartuffe mit den Worten: „Um Ihres Busens Blöße zu bedecken, denn solche Teufelsdinge untergraben die Sittlichkeit und wecken sündige Gedanken.“
Bis Ende 18. Jahrhundert - Öffentliches Naseputzen verpönt
In früheren Jahrhunderten – besonders im Mittelalter und der frühen Neuzeit – gilt es als unfein und beschämend, sich öffentlich die Nase zu putzen. Die Nase gilt als Ort der Unreinheit, und der Umgang mit Schleim oder Körperausscheidungen hat in der Öffentlichkeit nichts zu suchen. Wer seine Nase putzt, macht sich – je nach Kulturkreis – lächerlich, schuldig an Geruchsbelästigung oder gar sozial verdächtig.
Bis Ende 18. Jahrhundert - Stinkende Luft
Krankheiten, so wird angenommen, wird durch stinkende Luft ausgelöst; diese Annahme rührt daher, dass im Mittelalter die großen Seuchen hauptsächlich in den Armenvierteln ausgebrochen waren und der Adel die dort vorherrschende Luft dafür verantwortlich macht.
18. Jahrhundert - Peinlichkeitsempfindungen
Ab dem 18.Jh. werden die Peinlichkeitsempfindungen ausgeprägter, sodass beispielsweise bei Tisch jeglicher Gebrauch von Taschentüchern vermieden werden soll, um die anwesenden Gäste nicht zu verärgern.
Falls es jedoch unumgänglich ist, den „Körperfluss“ aufzuhalten, soll der Vorgang möglichst mit einer Serviette verborgen oder sich von der Tafel weggedreht werden.
Der Begriff Peinlichkeit erringt eine neue Position in der Gesellschaft, sodass die Benutzung des Wortes „Schnäuzen“ vermieden werden soll.
18. Jahrhundert - Tabu Schnäuzen
In Japan, Korea, aber auch in Mexiko, ist öffentliches Schnäuzen ein Tabu. Es wird – ebenso wie Flatulenz in der Öffentlichkeit – als sehr unhöflich empfunden.
Dagegen gilt das Hochziehen des Nasenschleims als Körperbeherrschung und darf ohne Weiteres in der Öffentlichkeit erfolgen.
18. Jahrhundert - Gebrauchsgegenstand der Oberschicht
Mit den Erfindungen des Fliegenden Schiffchens durch John Kay 1733 und der Spinning Jenny 1764 durch James Hargreaves wird die Herstellung von Stoff zunehmend billiger. Dadurch können die Taschentücher kostengünstiger produziert werden und werden vom Luxusartikel zunehmend zum Alltagsgegenstand für Männer in der Oberschicht.
18. Jahrhundert - Monogramm-Taschentücher
Um der Eintönigkeit entgegen zu wirken, werden die Taschentücher ab dem 18.Jh. mit Monogrammen bestickt. Die kunstvoll verzierten Kürzel der Besitzer machen nicht nur äußerlich viel her, sondern tragen zur Individualität des Taschentuches bei, da keines dem anderen gleicht.
18. Jahrhundert - Zeitungs-Taschentücher
Bereits im 18.Jh. werden Taschentücher bedruckt – nicht nur dekorativ, sondern mit aktuellen Inhalten:
- Politische Ereignisse wie die Französische Revolution erscheinen auf Stofftaschentüchern als Illustrationen, Zitate oder Symbolbilder.
- Landkarten und Weltkarten helfen nicht nur bei der Orientierung, sondern auch zur Bildung oder Kriegsführung.
- Karikaturen und satirische Darstellungen erfreuen sich großer Beliebtheit – vergleichbar mit heutigen Comicstrips oder politischen Memes.
- Taschentücher übernehmen so teilweise die Funktion von Zeitungen – sie werden „gelesen“ oder diskutiert.
1702 - Propaganda-Taschentuch
Der 1. Duke of Marlborough, John Churchill, nutzt das Medium Taschentuch bereits 1702, um seine militärischen Siege bekannt zu machen. 1710 lässt er sogar eine Parlamentsrede auf Taschentüchern drucken – ein früher Vorläufer von politischem Merchandising.
1730 bis 1780 - Schutz vor Gerüche
Besonders im Rokoko dient das Tüchlein nicht nur der Zier, sondern auch dem Schutz vor Gerüchen (Miasma-Theorie). Die Verwendung von stark parfümierten Taschentüchern ist verbreitet – gerade in Städten mit schlechter Luftqualität.
Wohlriechende Tücher gelten als Zeichen für Kultur und Bildung, üble Gerüche dagegen für Lasterhaftigkeit.
1760 - Phlogistische Luft, fixe Luft und Lebensluft
Zwischen 1760 und 1780 entsteht die Theorie, dass die Luft aus „phlogistischer Luft“ (N2), „fixer Luft“ (CO2) und „Lebensluft“ (O2) besteht. Die Chemie beginnt Luft neu zu definieren und zu begreifen. Besonders Gerüche erhalten erstmals Beschreibungen und Namen.
1777 - Ekel vor Händeschütteln
Christian Friedrich Germershausen berichtet in seiner Hausmutter, einem Werk der der Aufklärung verpflichteten Hausväterliteratur von 1777, wie sich ein evangelischer Landpfarrer bei Dienstantritt vor dem üblichen Händeschütteln ekelt, weil an den Händen der Gemeindemitglieder immer viel Nasensekret klebt.
Da ihm Handschuhe auf die Dauer zu teuer sind, regt er an, dass die Mütter ihren Kindern aus alten Hemden geschneiderte Taschentücher mitgeben, die wöchentlich zu wechseln sind, eine Sitte, die bald auch die Erwachsenen übernehmen, sodass bald die ganze Gegend als Musterbeispiel an Reinlichkeit gilt, was sich auch günstig auf den Verkauf ihrer landwirtschaftlichen Produkte auswirkt.
1785 - Stofftaschentücher mit Farbe
1785 erfindet Thomas Bell das Rouleauxdruck- oder Walzendruckverfahren. Damit können die Stofftaschentücher mit Farbe bedruckt werden.
Bei diesem Verfahren übertragen Druckwalzen, die mit eingravierten Mustern versehen sind, Farbe auf den Stoff. Es können bis zu 16 Walzen gleichzeitig eingesetzt werden. Diese befinden sich auf Spindeln und werden an die Druckunterlage gepresst. Die Druckfarben werden aus Farbtrögen auf die Walzen aufgetragen. Dabei entspricht jede Walze einer Farbe.
1789 - Symbol des Adels
Noch zur Zeit der Französischen Revolution gilt es als Symbol des Adels: „Was, er schneuzt sich nicht durch die Finger? Er hat ein Taschentuch – er muss ein Aristokrat sein. Hängt ihn auf!" schreit ein Revolutionär in Büchners Dantons Tod.
1794 - Miasmen
1794 wird in Paris der erste Lehrstuhl für öffentliche Hygiene an der Société royale de médecine geschaffen. Ansteckung durch Krankheitserreger wird zum Thema.
Ein Augenmerk sind dabei Miasmen. Als „Miasma“ werden Ansteckungsstoffe bezeichnet, die außerhalb des Körpers gebildet werden. Diese Vorstellung hält sich bis zur Entdeckung der Bakterien durch Louis Pasteur.
1809 - Spitzentaschentücher
Der englische Erfinder John Heathcoat revolutioniert 1809 die Textiltechnik, indem er ein Verfahren entwickelt, mit dem Spitze maschinell gefertigt werden kann. Diese Technik ermöglicht eine schnelle, gleichmäßige und günstige Herstellung zarter Stoffe – auch für Taschentücher. Das ist der Beginn der industriellen Fertigung von feinen, dekorativen Tüchern.
Ab 1815 - Liebestuch des Biedermeier
Zur Zeit des Biedermeier wird das Taschentuch in den bürgerlichen Kreisen zum romantischen Liebessymbol. Damen halten es oft kokett in der Hand, damit die Stickereien darauf zu sehen sind. Junge Männer tragen das Taschentuch der Angebeteten sichtbar in einem Knopfloch ihrer Jacke.
Ab 1830 - Einstecktuch
Der Brauch das Taschentuch der Angebeteten sichtbar in einem Knopfloch der Jacke zu tragen, soll um 1800 zuerst in London aufgekommen sein und ist der Vorläufer des Einstecktuchs bei Männern, das erst ab 1830 belegt ist.
1848 bis 1854 - Kalifornischer Goldrausch
Im San Francisco nach dem Kalifornischen Goldrausch sind Frauen rar, und Männer tanzen miteinander beim Square Dance. Um die Rollen auseinanderzuhalten, entwickelt sich ein Code, bei dem die Tänzer in der männlichen Rolle blaue Halstücher am Arm, am Gürtel oder in der hinteren Hosentasche der Jeans tragen und Tänzer in der weiblichen Rolle rote.
Ab 1850 - Dekolletétuch
In der zweiten Hälfte des 19.Jh. stecken die Damen ihr parfümiertes Taschentuch ins Dekolleté oder in die Ärmel ihres Kleides, um es griffbereit zu haben.
Ab 1860 - Hygienereform-Bewegungen
Zeitgleich mit den neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Keimübertragung (Pasteur, Koch) fordern Hygieniker wie Max von Pettenkofer oder Rudolf Virchow den vermehrten Einsatz von waschbaren Stoffen – auch für den privaten Gebrauch wie beim Taschentuch.
1870 - Taschentücher im Deutsch-Französischen Krieg
1870 werden im Deutsch-Französischen Krieg an die Soldaten Taschentücher verteilt mit Anleitungen zum Gebrauch des Gewehrs sowie Landkarten.
1879 - Taschentücher des Marinera
Im peruanischen Tanz Marinera, die Seemännische, halten beide Tänzer ein weißes Taschentuch in den Händen, die im Rhythmus bewegt werden. Sie dienen als Ausdrucksmittel für Flirt, Eleganz und nonverbale Kommunikation zwischen Tänzerin und Tänzer.
1886 - Taschentuchfetischismus
Zu den von Krafft-Ebing in der Psychopathia sexualis beschriebenen Ausprägungen des sexuellen Fetischismus zählt auch der Taschentuchfetischismus.
1894 - Taschentuch aus Papier
In Deutschland wird 1894 das kaiserliche Patent für ein glyceringetränktes „Taschentuch aus Papier“ von Gottlob Krum, dem Inhaber einer Göppinger Papierfabrik, erteilt. Bei der Erfindung handelt es sich um ein sehr dünnes, fast normales Papier, das in Glycerin getränkt wird, um eine bestimmte Weichheit zu erzielen.
Ab 1894 - Rückgang der Verwendung von Stofftaschentücher
Es werden neue Qualitätsansprüche an das Stück (Zell-)Stoff gestellt. Nicht länger wird die Ungewissheit geduldet, dass das „Stück Stoff“ vielleicht bei der Wäsche nur mangelhaft gesäubert wird und somit vielleicht Krankheitserreger vorhanden sind.
Es gilt zunehmend als unhygienisch, ein benutztes Stofftaschentuch in der Hosentasche oder in der Handtasche mit sich herumzutragen und es wiederholt zu benutzen.
Daher setzen sich Papiertaschentücher nach und nach gegen das Stofftaschentuch durch.
1900 - Taschentuch von Cholet
Ein rotes Taschentuch ist das Symbol der Stadt Cholet im französischen Département Maine-et-Loire. Der Dichter Théodore Botrel singt 1900 sein Chanson Das Rote Taschentuch von Cholet. Darin geht es um die gewonnene Schlacht von Cholet im Oktober 1793 während des Aufstandes der Vendée. Die Farbe Rot soll dabei das Blut der Vendée-Bewohner symbolisieren, die Farbe Weiß an die Royalisten erinnern. Das Taschentuch wird damit in Cholet und in ganz Frankreich bekannt.
1914 bis 1918 - Cellucotton
Cellucotton wird vor allem während des Ersten Weltkriegs als Verbandsmaterial eingesetzt, weil es sich durch seine Saugfähigkeit und Reißfestigkeit auszeichnet.
1924 - Papiertaschentuch Kleenex
Die Firma Kimberly-Clark vermarktet seit 1924 in den USA Taschentücher unter dem Markennamen Kleenex, die aus dem Baumwollersatzstoff Cellucotton (Zellstoffwatte) bestehen.
1929 - Papiertaschentuch Tempo
1929 melden Oskar und Emil Rosenfelder von den Vereinigten Papierwerken in Nürnberg ein Warenzeichen für das erste Papiertaschentuch aus reinem Zellstoff, das mit einer dünnen Schicht Glycerin überzogen ist um damit Weichheit zu erzielen, beim Reichspatentamt an.
Dieses Einwegtaschentuch erhält den Namen Tempo, der sich in Teilen des deutschen Sprachraums zu einem Synonym für Papiertaschentuch entwickelt.
1929 - Kleenex-„Pop-up“-Box
So entwickelte
Kleenex entwickelt 1929 eine „Pop-up“-Box. Diese Konstruktion, bei der durch die Entnahme eines Taschentuchs das nächste halb herausgezogen wurde und griffbereit ist, hat großen Erfolg.
Ab 1929 - Weltmarkt Zellstofftaschentücher
Die beiden großen Hersteller für Taschentücher aus Zellstoff beginnen, den Weltmarkt zu erobern. Während Tempo sich auf dem europäischen Markt verbreitet, tritt Kleenex überwiegend auf dem amerikanischen und asiatischen Markt in Erscheinung.
Die Absatzzahlen und der Verbrauch von Papiertaschentüchern steigen stetig.
1935 bis 1994 - Schickedanz-Gruppe
In Deutschland ist von 1935 bis 1994 die Schickedanz-Gruppe, bekannt durch das Versandhaus „Quelle“, Eigentümer der Vereinigten Papierwerke (VP) Nürnberg mit ihrer Marke Tempo.
In dieser Zeit ist die VP mit Tempo Marktführer und bedeutendster Hersteller von Papiertaschentüchern – vor der Zellstofffabrik Waldhof (Zewa) in Mannheim mit ihrer Taschentuchmarke Softis.
Bis 1945 - Laubantücher
Bis 1945 finden 90 % der deutschen Stofftaschentuchproduktion im niederschlesischen Lauban statt.
1968 - Papiertaschentücher mag ich nicht
In der finalen Schlüsselszene am Ende des Films Geraubte Küsse von François Truffaut aus dem Jahre 1968 sitzen die Helden Antoine und Christine auf einer Parkbank. Antoine schnieft und sagt er hätte sein Taschentuch vergessen und ob Christine ihm ihres geben könne. Als sie ihm ein Kleenex anbietet lehnt er dankend ab: „Nein, Papiertaschentücher mag ich nicht.
Ab 1970er - Hanky Code
In der Schwulenszene existiert der „Taschentuch-Code“ als Erstes. Inzwischen wird er von der BDSM-Szene und anderen verwendet. Ein Taschentuch wird sichtbar beispielsweise in der Gesäßtasche getragen und zeigt über Farbe, Art sowie Tasche, in der es getragen wird, die sexuellen Präferenzen des Trägers an.
1972 - „Binde ein gelbes Band um den alten Eichbaum“
Das Lied von Tony Orlando geht auf eine amerikanische Sage aus dem 19.Jh. zurück. Ein Soldat aus Georgia schreibt während des Bürgerkrieges seiner Frau, sie solle ein gelbes Taschentuch an den Eichenbaum in der Dorfmitte binden, wenn ihre Liebe zu ihm noch da ist. Als er nach langer Gefangenschaft in seine Heimat in Georgia zurückkehrt, hängt ein gelbes Taschentuch an jenem Baum.
Als Zeichen der Unterstützung für die US-Soldaten im Irak-Krieg und zur Erinnerung an die Vermissten binden 2003 zahlreiche Amerikaner gelbe Schleifen an Fenster und Türen.
1978 - "Frau zu verschenken"
Im Film Préparez vos mouchoirs von Bertrand Blier aus dem Jahr 1978 dient ein Taschentuch zum Abtupfen von Tränen und gibt dem Film seinen Namen.
2007 - SCA übernimmt die Vereinigten Papierwerke
1994 übernimmt die amerikanische Firma Procter & Gamble die VP und verkauft sie 2007 an die SCA weiter.
2007 - Sofidel erwirbt die Taschentuchmarke Softis
Da die SCA 1995 die Papierwerke Waldhof-Aschaffenburg erworben hat einschließlich der Taschentuchmarke Softis, muss sie diese zur Vermeidung einer marktbeherrschenden Stellung abgeben.
Ende 2007 erwirbt der italienische Tissue-Hersteller Sofidel die Taschentuchmarke Softis sowie die dazugehörigen Lizenzen, Patente und Produktionsanlagen.
2017 - Essity an die Börse
SCA spaltet 2017 seinen Bereich der Hygienepapiere mit den Marken Tempo und Zewa ab und bringt ihn im selben Jahr unter dem Namen Essity an die Börse.
2020 - Corona-Pandemie
Das Thema Naseputzen rückt erneut ins Bewusstsein. Papiertaschentücher werden als hygienischer Weg zur Unterbrechung von Virusketten empfohlen.

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