Montag, 2. Juni 2025

Die Gebundenen

📖 Lesezeit: ca. 19 Minuten
Ich spüre die sanfte Kühle des Morgens, wenn ich mich anziehe – und ich entscheide mich. Heute trage ich keinen Büstenhalter. Nicht, weil ich etwas beweisen will, sondern weil ich es fühlen will: den Schwung meiner Brüste, ihr leichtes Hüpfen beim Gehen, ihr sanftes Wippen, wenn ich lache. Es ist mein Körper, mein Rhythmus, meine Entscheidung.

Der Büstenhalter, liebevoll kurz BH genannt, hat eine lange Geschichte, und oft eine widersprüchliche. Er stützt meine Brüste, er formt sie – und doch formt er auch mein Bild von mir selbst. Manchmal engt er mich ein, manchmal gibt er mir Halt. Seine Körbchen umfassen meine Weiblichkeit, seine Träger legen sich über meine Schultern wie leise Fesseln. Nicht immer sanft, nicht immer passend. Aber manchmal genau richtig.

In Dorfen, dort wo die Felder sanft in die Ferne gleiten und der Wind Geschichten flüstert, trage ich meinen BH anders als früher. Nicht aus Zwang, nicht für Blicke. Ich wähle weiche, bügellose Modelle, wenn ich überhaupt einen trage. Mein Körpergefühl steht im Vordergrund – nicht die männliche Erwartung, nicht die Mode. Ich bin nicht gemacht, um zu gefallen. Ich bin da, um zu fühlen.

Ich weiß: Wir Frauen sind durch Jahrtausende gegangen, nackt und stolz, bevor uns jemand ein Korsett überzog oder einen BH. Warum also nicht zurück zu diesen Wurzeln? Warum nicht den eigenen Körper wieder spüren, statt ihn ständig zu binden?

Und wenn ich doch einen trage, dann nicht, weil ich es muss. Sondern weil ich es will. Ein Hauch von Spitze, ein französischer Verschluss, der sich zärtlich zwischen meinen Brüsten schließt – das kann ein Spiel sein, ein Zeichen, ein Stil. Vielleicht auch eine kleine Ironie.
Ich denke an Rainhard Fendrichs Lied. „Oben ohne“ – diese Zeile hängt wie eine leise Erinnerung in der Luft. Ich aber bin nicht auf der Suche nach Aufmerksamkeit. Ich bin einfach – ich. Ich genieße das sanfte Wippen an meinen Rippen, das Gefühl von Fülle, das sich mit dem Schritt wiegt. Ich bin nicht entblößt – ich bin befreit.

Der BH ist technisch raffiniert: zwei Cups, ein Band, verstellbare Träger. Und doch ist er mehr. Er kann stützen, aber auch lähmen. Er kann heben, aber auch verstecken. Ich achte darauf, dass er nicht schneidet, dass er nicht drückt. Zwei Finger sollen Platz haben unter dem Band, sagt die Norm. Doch was ist mit meinem Gefühl – meinem Raum zum Atmen?
Ich will mich nicht länger fragen müssen, ob meine Brüste reizen, ablenken, zu viel sind.

Warum sollte mein Busen, mein paariges, halbkugelförmiges Organ mit Milchdrüsen, immer doppelt gelesen werden – als Nahrung und als Lustobjekt? Er gehört mir. Und ja, ich genieße ihn. Besonders meine Brustwarzen, wenn sie im leichten Stoff über meine Haut streichen. Sie sind Teil meiner Lust, meiner Identität, meiner Stimme.

Der BH ist ein Symbol. Für Schutz. Für Zwang. Für Schönheit. Für Anpassung. Für Selbstbestimmung. Er erzählt eine Geschichte. Von Konventionen und Aufbrüchen, von Spitzenstoffen und Nylon, von Mode und Medizin. Er stützt bei Bewegungen, verhindert Dehnungen, mildert Schmerzen – aber er kann auch das Gewebe schwächen, wenn er zu viel übernimmt.

Ein BH muss passen. Nicht nur in Zentimetern, sondern im Gefühl. Unterbrustmaß, Körbchengröße, Elastizität, Bügelweite – das ist eine Wissenschaft. Aber ich höre lieber auf meinen Körper. Wenn ich ihn spüre, weiß ich, ob etwas stimmt. Und manchmal stimmt es eben besser – ohne alles.

„Die Gebundene“ – das bin ich, wenn ich ihn trage. Nicht gefesselt, nicht unterworfen. Sondern bewusst entschieden. Für mich. Für meinen Körper. Für mein Leben in Dorfen. Dort, wo der Blick auf den Körper langsam wieder zu einem ehrlichen wird. Nicht als Objekt. Sondern als Teil eines ganzen, fühlenden Menschen.

Mein männliches Mitfühlen
Ich schreibe diese Zeilen als Mann – aber mit dem ehrlichen Versuch, mich in das Erleben einer Frau hineinzuversetzen. So, wie ich es mir vorstelle: wie sich der Körper anfühlt, wenn er gebunden ist oder frei schwingen darf. Wie es ist, Blicke zu spüren, Erwartungen zu tragen, Entscheidungen zu treffen – nicht für andere, sondern für sich selbst.

Ich weiß, dass ich nur ahnen kann, was es bedeutet, weiblich zu sein in dieser von Männern dominierten Welt. Und doch möchte ich versuchen, mitfühlend, achtsam und staunend zu schreiben – nicht über, sondern mit der Vorstellung einer weiblichen Seele.
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Bis ca. 10.000 v. Chr. - Altsteinzeit
Menschen tragen Tierfelle, Umhänge, manchmal Gürtel oder Bänder. Frauen erscheinen auf Höhlenzeichnungen oder Statuetten (z.B. Venus von Willendorf) nackt, mit betonter Brust. Nacktheit ist gesellschaftlich akzeptiert - zumindest im Oberkörperbereich.

10.000 bis 3.000 v. Chr. - Jungsteinzeit
Textilien aus Flachs oder Wolle entstehen. Es gibt Hinweise auf einfache Tuniken, Wickelkleider, Schurzelemente und Gürtel – doch keine gezielte Formung oder Bedeckung der Brüste. Kleidung ist meist einteilig und lose. Die Brust bleibt unter Stoff verborgen, aber nicht aktiv gestützt.

2.500 v. Chr. - Frühbronzezeit
In Mesopotamien und Ägypten tragen Frauen oft ärmel- und trägerlose Gewänder, die über die Brust reichen. Diese gelten eher als Ganzkörperkleidung. Es gibt kaum visuelle Darstellungen, die auf gesonderte Brustbedeckungen hinweisen.

Ab 2.500 v. Chr. - Brüste bedecken
Vor 2.500 v. Chr. tragen Frauen entweder gar nichts am Oberkörper oder verhüllen ihn indirekt durch lose, einteilige Kleidung. Die Brust wird dabei nicht gezielt bedeckt oder geformt.
Die Vorstellung, die Brust müsse gestützt oder verdeckt werden, ist eine spätere kulturelle Entwicklung und stark abhängig von Klima, Moralvorstellungen und sozialer Struktur, z.B. bedecken und stützen minoische Frauen auf Kreta ihre Brüste ab 2.500 v. Chr.

Um 2.000 v. Chr. - Brustbilder
Frauen der minoischen Kultur tragen kurze Jacken oder Oberteile, die die Brust freilassen - nicht bedecken. Die Brust gilt als Zeichen von Fruchtbarkeit und Weiblichkeit.

Um 1.000 v. Chr. – Indische Brustbändern
Darstellungen von Frauen mit Brustbändern („stanapatta“) belegen in Südostasien frühe Formen der Brustbedeckung. Diese bestehen meist aus Stoffstreifen und gelten als Vorläufer des heutigen Choli in der Sari-Kleidung.

Ab 8. Jahrhundert v. Chr. - Strophium/Fascia
Frauen in der griechischen und römischen Zivilisation tragen Chitons und Stolas – lockere Gewänder, oft mit offenem Halsausschnitt, aber ohne bewusste Betonung des Dekolletés.
Sie verwenden zeitweise eine Brustbinde, eine unter Tunika und Palla getragene Stoffbinde, ein langer Textil- oder Lederstreifen, dessen Ende eingeschlagen werden und die Brüste verhüllt und stützt, um kleinere Brüste zu betonen.
Aber häufiger verwenden Frauen der maskulinen griechisch-römischen Welt, in der Unisex-Kleidung oft bevorzugt wird, Brustbinden um ihre Brüste zu unterdrücken.
Zur Unterdrückung besonders großer Oberweiten wird zusätzlich ein sehr enges Lederkorsett verwendet.
Nur die Fascia pectoralis, das Strophium, wird auch beim Sport von den Athletinnen der antiken Welt zusammen mit einer kurzen Hose (Subligaculum) getragen.

776 v. Chr. - Sportveranstaltungen
In griechischen Stadtstaaten wie Sparta oder bei den Olympischen Spielen sollen sich Frauen bei der Teilnahme an Sportveranstaltungen die Brüste abgebunden haben.

750 v. Chr. - Push-up der Göttin Hera
 In der Ilias wird die griechische Göttin Hera beschrieben, die so etwas wie eine frühe Version eines Push-up-BHs trägt, der mit „ Broschen aus Gold“ und „hundert Quasten “ geschmückt ist, um ihr Dekolleté zu vergrößern und so Zeus vom Trojanischen Krieg abzuhalten.

1000 bis 1400 - Mittelalter
Brüste werden züchtig verdeckt; das Dekolleté spielt kaum eine Rolle. Kleidung betont eher Taille und Hüfte.

Ab 1400 - Spätmittelalter und Renaissance
Tiefe, eckige Ausschnitte kommen auf. Das Dekolleté wird gesellschaftsfähig, besonders in höfischen Kreisen.

1440 bis 1485 - Schlossbekleidung
Im Osttiroler Schloss Lengberg (Österreich) werden zwischen 1440 und 1485 Büstenhalter aus Leinen, gelegentlich mit dekorativer Nadelspitze versehen, sowie ärmellose Hemden mit Körbchen getragen.

1485 – Nürnbergisches „Leibchen“ mit Schnürung
Ein Fund aus einer deutschen Kleiderordnung erwähnt ein „Unterbrustleib“, das als Übergangsform vom Mieder zur gezielten Bruststütze dient. Diese Stücke sind meist Teil einer Kombination aus Korsett und Untergewand.

16. bis 20. Jahrhundert - Mieder
Ein Mieder ist ein den Oberkörper eng umschließendes Kleidungsstück, das je nach Kontext das Oberteil eines Kleides (Taille), ein versteiftes Kleidoberteil oder ein Korsett bezeichnet.
Es wird heute noch in Volkstrachten z.B. beim Dirndl und als Korsage getragen. Sein Ursprung geht auf die Renaissance etwa Anfang des 16.Jhs. zurück. Das Mieder bzw. Korsett formt die Silhouette der Frau in Europa bis ins frühe 20.Jh.

17. Jahrhundert - Dekolleté im Barock
Das Dekolleté ist eng mit der Geschichte weiblicher Brustbekleidung verbunden. Während der BH eine funktionale Rolle spielt (Stütze, Form, Schutz), erfüllt das Dekolleté eine ästhetisch-soziale Funktion: Es betont oder verbirgt den oberen Brustbereich und signalisiert Weiblichkeit, Schönheit, Erotik oder gesellschaftlichen Status.
Das Dekolleté ist ein Spiegel gesellschaftlicher Normen: In manchen Epochen gilt es als reizvoll und erwünscht, in anderen als anstößig oder verboten. Diese Schwankungen erzählen viel über das Frauenbild, Schönheitsideale und Moralvorstellungen.
Die Mode des Dekolletés beeinflusst die Entwicklung des BHs – z. B. den Bügel-BH, den Push-up oder trägerlose Modelle. Umgekehrt ermöglicht der BH das Tragen bestimmter Ausschnitte erst.
Besonders seit dem Barock wird das Dekolleté inszeniert – in der Malerei, in höfischer Mode, später im Film, in der Werbung und in Popkultur. Es steht für Inszenierung und Selbstbewusstsein – oder auch für Kontrolle und Anpassung.
Das Dekolleté erreicht im Barock einen Höhepunkt an Inszenierung. Korsetts drücken die Brust nach oben, weite Ausschnitte betonen sie. Die Brust ist ein „Schauobjekt“.

19. Jahrhundert - Leibchen, Kurzkorsetts und Brustverbesserer
Seit Anfang des 19.Jhs. sind vorwiegend einfache Leibchen oder elastische Kurzkorsetts üblich. Es gibt auch Korsetts, die zum Stillen geöffnet werden können.
Da sich dabei die Brustwarzen abzeichnen, werden zusätzlich wattierte „Brustverbesserer“ in Form eines Büstenhalters verwendet, die auch später über dem Korsett getragen werden.

19. Jahrhundert - Biedermeier
Biedermeierzeit bringt wieder mehr Schamhaftigkeit. Hohe Krägen sind modern. Abendmode erlaubt aber weiterhin Ausschnitt.

1864 - Patent der Elenor M. Marshall
Die US-Amerikanerin Elenor M. Marshall meldet 1864 einen „Mammiform Breast-Protector“ an, einen brustförmigen Brustschützer, der in Form und Funktion der natürlichen Brust nachempfunden ist und zum Schutz beim Stillen oder zur Unterstützung der weiblichen Brust unter Kleidung dient.

1873 - Patent der Helen M. Millar
Die US-Amerikanerin Helen M. Millar meldet 1873 einen „Bosom-Pad“ an, ein Polster für die weibliche Brust zur Formung, zum Schutz oder zur optischen Verstärkung unter der Kleidung.

Ab 1890 - Ablösung des Korsetts
Seit dem Ende des 19.Jhs. löst der Büstenhalter das Korsett ab. Die ersten Modelle bestehen aus Leinen.

1893 - Patent von Hugo Schindler
Hugo Schindler aus Mariaschein in Böhmen meldet 1893 einen Büstenhalter beim „Eidgenössischen Amt für geistiges Eigentum“ zum Patent an. Dieser hat zwei an einem Gürtel befestigte Kappen, die oben mit Bändern befestigt werden.

1893 - Backless Brassiere der Mary Phelps Jacob
An den seinerzeit verbreiteten Korsetts stört Mary Phelps Jacob, dass das Fischbein unter dem Stoff ihres Abendkleids hervorscheint. Zusammen mit ihrem Dienstmädchen schneidert sie aus zwei seidenen Taschentüchern und rosa Bändern ihren BH.
Diese Konstruktion einer „Backless Brassiere“ findet regional zunächst reißende Nachfrage.

1899 - Patent der Christine Hardt
Die Dresdnerin Christine Hardt meldet 1899 den "Rockträger", ein Frauenleibchen als Brustträger, zum Patent an.
Es besteht aus zusammengeknüpften Taschentüchern und Männerhosenträgern und ist verstellbar.

1899 - Patent der Herminie Cadolle
Die Französin Herminie Cadolle meldet im Jahr 1899 ein Patent auf einen Büstenhalter an.

1904 - Bruststütze ohne Unterteil
Der schwäbische Korsettmacher Wilhelm Meyer-Ilschen aus Cannstatt entwickelt 1904 seine „Bruststütze ohne Unterteil“ (erst später patentiert).

1912 - Marke Prima Donna/Hautana
Sigmund Lindauer aus Cannstatt lässt 1912 in seiner Firma S. Lindauer & Co den ersten Büstenhalter in Serienfertigung gehen - Marke Prima Donna; er hat ein kaiserliches Patent auf den ersten BH ohne Längs- und Querstützen aus Fischbein und Knochen.
Lindauers „Hautana“ macht rund um den Globus Karriere.

1913 - Brassiere
Vogue verwendet erstmals das Wort „Brassiere“. Der Begriff kommt vom französischen Wort „braciere“, das ursprünglich ein Panzer oder eine Armstütze war. Seitdem wird „brassiere“ zunehmend als Begriff für den BH verwendet.

1914 - Warner Brothers Corset Company
1914 lässt Mary Phelps Jacob ihren rückenfreien Miederersatz von 1893 patentieren und verkauft, da das Geschäft mit ihren Caresse Crosby Brassières nicht so gut läuft, das Patent anschließend für 1500 $ an die Warner Brothers Corset Company in Bridgeport.

1917 - Kriegs-BH
1917, während des Ersten Weltkriegs, fordert Bernard Baruch die amerikanischen Frauen auf, von Korsetts auf BHs umzusteigen, um kriegsentscheidendes Material freizumachen.

1920er bis 1950er - Knaben-, Rund-  und Spitz-BH
Ebenso wie andere Kleidungsstücke durchläuft der BH eine Vielzahl von Formen und Moden: knabenhaft in den 1920er, rund in den 1930ern und spitz in den 1950er.

Ab 1920er - Seide, Musselin oder Batist
Ab den 1920er werden BHs auch aus Seide, Musselin oder Batist hergestellt.

1920er - Flapper-Ära
Die Entwicklung des BHs im frühen 20.Jh. fällt zeitgleich in die gleiche Epoche, in der sich die Filmindustrie entwickelt.
Ein erster bedeutender Einschnitt sind die 1920er in der der BH zum „Artefakt der Provokation“ wird, besonders in der Flapper-Ära, als Frauen mit herkömmlichen Gesellschafts- und Schönheitsidealen brechen, indem sie sich etwa kurze Haare und eine Bubikopf-Frisur zulegen und die Brust abflachen, um alles was sexuell auffällig wirkt zu verstecken.
Zu diesen Veränderungen zählt auch, dass Frauen in den 1920er immer mehr das Korsett ablegen und beginnen offener unbekleidete Arme und Beine zu zeigen – für die damalige Zeit ist der Wandel radikal und skandalös.
Das neue weibliche Schönheitsideal umfasst auch flache Brüste.

1922 - Ida Rosenthal gründet „Maidenform“ (USA)
Zusammen mit ihrem Mann entwickelt Ida Rosenthal BHs in verschiedenen Körbchengrößen – ein Meilenstein in der Passform und Individualisierung.
Maidenform wird eine der bekanntesten Marken der 1930er bis 1950er.

Ab 1930er - A-, B-, C- und D-Körbchen
Die Firma Warner Brothers Corset Company führt zu Beginn der 1930er standardisierte Körbchengrößen ein – ein bedeutender Schritt zur Normierung und besseren Passform für Konsumentinnen.

1930er - Hays Code
Mit Beginn der 1930er geht der Schönheitstrend bei Frauen wieder zu mehr 'femininen' Aussehen, mit Eigenschaften wie sinnlich, weich und fließend im Kontrast zum eingeschnürten Stil vor den 1920er und dem unförmigen Flapper-Stil.
Allerdings steht die Formierung der Brust nicht im Fokus, sondern die sinnliche, natürliche Darstellung.
Bis 1934 ist die Darstellung von Frauen in Unterwäsche in der pre-code-Ära in der US-amerikanischen Filmindustrie möglich, 1934 erfolgt die Einführung des Hays Code und damit die Zensur für Inhalte, die unter anderem als zu freizügig und anrüchig bewertet werden, darunter Nacktheit, Sexualität und die Darstellung in Unterwäsche.

1940er/1950er - Cups mit Stoffstücke
Büstenhalter der 1940er und 1950er werden oft vorn geschlossen und deren Cups sind mit Stoffstücken bedeckt, die wahlweise zurückgeklappt oder zusammengehakt werden können.

1940er - Pin-up-Girl
Die 1940er sind massiv geprägt von den Eindrücken des Zweiten Weltkriegs und Millionen Männern, die als Soldaten an der Front dienen und – weitgehend – in ungewollter sexueller Abstinenz leben.
Neben der Masse an Pin-Up-Bildern, die Frauen in meist freizügigen Posen zeigen, werden auch in der US-Filmindustrie Frauen äußerst attraktiv dargestellt.
Der Büstenhalter wird langsam zu einem Objekt der sexuellen Konnotation. Letztlich geht der Trend zu einer künstlichen Formung des Busens durch den BH.

1940er - Maiden-BH
Die Werbeanzeigen des Wäscheherstellers Maidenform in den USA sind so konzeptioniert, dass eine Frau träumt, sie ginge einer bestimmten Tätigkeit nach bzw. sei eine bestimmte Person, etwa ein Cowgirl oder eine Feuerwehrfrau. Allerdings trägt die Frauen dabei am Oberkörper stets nur „meinen Maiden-BH“ („my maiden bra“).
Normalerweise ist es für eine Frau ein Alptraum sich in der Öffentlichkeit in Unterwäsche zu zeigen. Doch die Werbung zum Maiden-BH, in der nur die Frau und ihr BH die Hauptrollen spielen ist so exhibitionistisch schräg, so surreal und auf ganz eigene Weise pervers, dass niemand dies wahrnimmt.

1942 bis 1945 - Rüstungs-BHs
Frauen in Rüstungsfabriken in den USA tragen speziell designte BHs aus Baumwolle oder synthetischem Material. Manchmal wird das Design an die Arbeitsumgebung angepasst, etwa mit breiteren Trägern oder zusätzlichem Schutz.

1947 - Ablösung des Mieders
Erst 1947, mit dem New Look, verdrängt der Büstenhalter das Mieder. Es gibt fortan BH mit verstärkten Körbchen, mit Fischbein-, später Metallbügel unterhalb der Schalen, wattierte und verstärkte BH, Push-ups, BH ohne Verschluss, Verschluss hinten oder vorn.

1950er - Brüste-Milch-Assoziation und Spitztüten-BH
In den 1950er tritt in der amerikanischen Gesellschaft eine starke Fixierung auf große Brüste ein. Eine Redensart bringt dies mit dem hohen Milchkonsum in Verbindung.
Als der BH mehr Struktur bekommt, taucht in der Filmindustrie Ende der 1950er ein Frauentyp namens Sweater-Girl auf – eine junge Frau mit einer schmalen Taille, die einen Kaschmirpullover trägt und sehr hervorstehende, spitze Brüste hat, die so durch einen Spitztüten-BH geformt werden.

1950 - „Bullet Bra“ wird populär
In den 1950er wird das klassische, runde Dekolleté mit Push-up-Effekt bevorzugt.
Kegelförmig geformte BHs mit spitzer Silhouette prägen die Mode der 1950er. Sie verstärken das Bild der erotisch geformten, betonten Brust.

1960er - Eine neue Femme fatale
In den 1960er taucht ein neuer Typ des weiblichen Sexsymbols auf: unverhohlen, amazonenhaft und athletisch, mit großen Brüsten und trotzdem einer sportlichen Figur.
Für die neue Femme fatale, die in der Natur zurecht kommt und die sich gegen die Kräfte der Natur durchsetzt, ist lediglich der Mann eines der Hindernisse, dem sie auf Augenhöhe begegnen.

1960 - Psycho-BH
Die 1950er sind geprägt von einer Kultur der „Konformität und Puritanismus“, sowie im Film einen "Kult der Jungfräulichkeit".
Im Gegensatz dazu stehen Darstellungen wie in Psycho (1960) von Alfred Hitchcock, der einen Fokus auf Janet Leighs BH legt: zuerst trägt sie einen amazonenhaften weißen BH. Und dann einen amazonenhaften schwarzen BH. Durch den Wechsel vom weißen zum schwarzen BH deutet Hitchcock an, dass sie sich gewandelt hat. Aus dem gehorsamen Mädchen wird eine kriminelle Diebin.
Diese Neuheit ist ein Vorspiel für die noch unterdrückte gesellschaftliche Veränderung, die sich wenige Jahre später radikal vollzieht.

1967 - Abschaffung des Hays Codes
1967 vollzieht sich der gesellschaftliche Wandel auch in der Filmindustrie mit der Abschaffung der Zensur des Hays Codes zugunsten eines Altersempfehlungssystems. Dadurch sind die Filmemacher nun freier in der Darstellung von erotischen und sexuellen Elementen.

1968 - Sexuelle Revolution
In der zweiten Hälfte der 1960er vollzieht sich mit der 68er-Bewegung ein radikaler gesellschaftlicher Wandel und mit der Sexuellen Revolution ein Ausbruch aus der „Kultur der Konformität“.
Viele Frauen brechen mit den gesellschaftlichen Normen, indem sie ihre BHs ausziehen und offen ihren nackten Busen zeigen, andere verbrennen demonstrativ ihre BHs.
Das Kleidungsstück "BH" wird zum Symbol verschiedener mit einander streitender Sichtweisen über das Frauenbild: „Es gibt nichts, das moralisch so explosiv ist, wie ein Gespräch über den BH. Einige Leute möchten gar nicht darüber reden, sie wollen nicht einmal das Wort in den Mund nehmen. Manche denken er ist antifeministisch, andere denken er sei überfeministisch, wieder andere denken er sei fetischistisch, sexuell stimulierend. Sie denken an all das. Und dabei ist es nur ein kleiner BH.“

1968 - „Mythos BH-Verbrennung“
Im Rahmen eines Protests gegen die Miss America-Wahl werfen Feministinnen symbolisch BHs, Lockenwickler und High Heels in einen „Freiheitskorb“. Es wird nichts verbrannt – dennoch wird der „bra burning feminist“ zum popkulturellen Mythos.

1970er - Darstellungsfreiheit
Die neue Darstellungsfreiheit für die Filmindustrie führt nicht nur zu einer wahren Flut an Filmen, die sexuelle und erotische Inhalte beinhalten, wobei vor allem große Brüste präferiert werden, etwa in den Sexploitationfilmen von Russ Meyer.
Ebenso gibt es mitunter abstruse Darstellungen. In Woody Allens 1972 erschienenem Film Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten, werden die Protagonisten von einer riesigen aus Silikon entstandenen weiblichen Brust verfolgt, die sie schließlich mit einem überdimensionierten BH in der Größe X einfangen können.

1970er/1980er - Öffentliche BH
In den 1970er- und 1980er werden BHs gesellschaftlich präsenter, da mehr Frauen ihre Brüste als Ausdruck von Sexualität hochpushen wollen, gerade unter dem Einfluss der Disco-Ära und Rock-’n’-Roll-Revival. Hinzu kommt der Einfluss der Punk-Kultur, der neue Kostüme und BHs hervorbringt, etwa mit Lederschnallen.
Letztlich findet exquisite Lingerie Einzug auch in die Mitte der Gesellschaft und wird in der Öffentlichkeit gelegentlich als Oberbekleidung getragen.

1977 - Gründung von Victoria’s Secret
Roy Raymond gründet die Marke mit dem Ziel, BHs für Männer ansprechender zu gestalten. Die Marke wird später zur weltweit bekanntesten Lingerie-Marke – mit Shows, Models und massenmedialer Präsenz.

1978 - Jogbra
Sport-Büstenhalter („Jogbra“) gibt es seit 1978.

1980er - Sport-BH
In den 1980er nimmt das Ideal eines sportlichen Körpers zu, wobei etwa Aerobic und Gymnastik-Fernsehsendungen und Filme Einzug in die Filmkultur erhalten. Dabei werden Einteiler und Zweiteiler wie BHs und Slips zur Sportbekleidung, was sie in gewisser Hinsicht normalisiert: „Kleidung, die mal als Unterwäsche konzipiert war, wird plötzlich zum Trainieren angezogen und wird vorzeigbar.“

1990er - Exhibitionismus
In den 1990er entwickelt sich ein neuer Mode-Trend: der Wonderbra bzw. Push-Up-BH definiert wie ein attraktiver Busen auszusehen hat. Indem alles nach oben gepusht und offen präsentiert wird, entdeckt man wieder einem dreisten Exhibitionismus, den es beim Kult um den Busen lange nicht mehr gab: „Nach fünfzehn Jahren Feminismus spricht wieder das Dekolleté.“
Eine weitere Entwicklung ist der Einfluss der Comic- und Videospielkultur und Figuren wie etwa Lara Croft, bei denen weibliche Figuren mit abenteuerlich, amazonenhaften Eigenschaften mit einem schlanken Körper und gleichzeitig großen Brüsten erscheinen.

1990 - Sport-BH mit High-Impact
Marken wie Champion und Nike entwickeln BHs, die speziell für Jogging, Tennis und Hochleistungssport konzipiert sind. Sie stützen und entlasten die Brust bei Bewegungen mit hoher Belastung.

1994 - Wonderbra
Ab 1994, mit der Einführung des „Wonderbras“ und neuer Materialien, kommt es zu einem neuen Lingerie-Boom.

1994 - Wonderbra-Werbung („Hello Boys“) mit Eva Herzigová
Eine der bekanntesten Werbekampagnen der BH-Geschichte. Der Push-up-Effekt wird als Sexsymbol inszeniert, und die Kampagne wird vielfach parodiert und diskutiert.

2000er - Übersexualisierung
Die ersten zehn Jahre des neuen Jahrtausend stehen unter dem Eindruck einer immer stärkeren gesellschaftlich öffentlichen Übersexualisierung und Normalisierung ebendieser, auch durch Werbung und den Film.
Ein besonderer Faktor ist das Internet, durch dass sich letztlich viele Phänomene aus der analogen Welt (auch) in die digitale Welt verschieben. Das gilt besonders für Pornographie.
Der weibliche Körper wird routinemäßig zur Schau gestellt, wobei es auch keinen Sinn für Tabus und Überschreitungen und damit keine erotische Spannung mehr gibt.
Mit den sozialen Medien und der Selfie-Kultur, bei dem Frauen theoretisch jeden Tag von sich Bilder in freizügiger Kleidung, etwa Fotos im Bikini am Pool, präsentieren, wird zwar der Markt nach immer neuen sexuellen Inhalten befriedigt, es findet aber keine wahre Erotik mehr statt.

2000 - Fantasy Bra 
Der teuerste jemals produzierte BH ist der juwelenbesetzte Fantasy Bra aus dem Jahr 2000 mit einem Kaufpreis von 15 Mio. Dollar.

2001 - BHs mit RFID-Tracking
Die Firma Triumph testet BHs, die in der Verpackung mit RFID-Chips versehen sind, um Lieferketten besser zu kontrollieren. Ein Beispiel für die Verbindung von Mode und Technik.

2009 - Nachhaltige BHs
Entwicklung nachhaltiger BHs aus Bambusfasern, Hanf oder recyceltem PET. Neue ökologische Materialien setzen sich langsam in der BH-Industrie durch, insbesondere bei Bio-Wäschemarken.

2014 - Krieg der Büstenhalter
Bra Wars – Hollywoods Affäre mit dem BH ist ein deutscher Dokumentarfilm aus dem Jahr 2014. Der Film beleuchtet die Geschichte des Büstenhalters vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Entwicklungen und Strömungen und seiner Darstellung und Verwendung in der US-amerikanischen Unterhaltungs- und Filmindustrie.
Der Titel Bra Wars (Krieg der Büstenhalter) ist eine sprachliche Anspielung auf den 1977 erschienenen Science-Fiction-Film Star Wars (Krieg der Sterne). In der Anfangsszene des Films wird dies zudem unterstrichen, wo in einem Damenunterwäsche-Geschäft die Kultfigur des Star-Wars-Antagonisten Darth Vader in Erscheinung tritt.

2020er - Comeback des BH?
Zwei mögliche Szenarien zeigen sich in den 2020er auf:
Zum einem werden die Grenzen zwischen den Geschlechtern zunehmend aufgehoben und die weibliche Brust letztlich immer mehr entsexualisiert. In diesem Fall wird der BH unweigerlich verschwinden.
Das Gegenszenario ist ein Kollaps eben dieser Strömung, die Rückkehr zu einer mehr auf Geschlechterunterschiede ausgerichteten Gesellschaft, wo Männer wieder Männer und Frauen wieder Frauen sein sollen. In diesem Fall wird der BH unweigerlich ein Comeback erleben.

2023 - „No Bra“-Bewegung, Soft-BHs
Insbesondere jüngere Frauen entscheiden sich zunehmend gegen BHs oder tragen nur noch weiche, bügellose Modelle. Das Körpergefühl steht im Vordergrund, nicht die Formung.
Das Dekolleté ist kein Muss mehr – aber ein möglicher Ausdruck von Stil, Erotik oder Ironie.

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