Samstag, 3. Mai 2025

Aufi muaß i

📖 Lesezeit: ca. 7 Minuten
Mei Bruada ruaft mi!
In stiller Zwiesprache mit ihm beginne ich meinen Aufstieg – „Aufi muaß i“ – getragen von der Erinnerung an meinen Bruder. Dort, wo die Berge den Himmel streifen, in Grassau im Chiemgau, ist er aufgewachsen. In dieser Landschaft, wo das Licht weich auf die Gipfel fällt und der Wind die Geschichten der Kindheit weitertreibt, träumt er schon früh davon, eines Tages selbst dort oben zu stehen.

Schon als Bub blickt er sehnsüchtig zu den Bergen auf. Später malt er sich aus, wie er im Ruhestand Schritt für Schritt hinaufsteigt – mit dem Duft von Latschenkiefer in der Nase, dem Wispern des Windes im Ohr, das Herz voller Freiheit. Doch dieser Traum bleibt ihm verwehrt.

Die Multiple Sklerose – diese Krankheit mit den tausend Gesichtern – greift in sein Leben ein. Sie zerstört nach und nach die schützenden Markscheiden seiner Nervenfasern. In der weißen Substanz von Gehirn und Rückenmark entstehen verstreute Entzündungsherde – kleine Brandstellen, in denen körpereigene Immunzellen die Myelinscheiden seiner Nervenzellfortsätze angreifen.

Der Weg durch den Alltag wird für ihn immer mühsamer. Gehstörungen treten auf. Lähmungserscheinungen in den Beinen machen sich bemerkbar. Missempfindungen, Taubheitsgefühle, die Schritte verlieren ihre Sicherheit. Seine Kniestabilität leidet – die Plantarflexoren und ischiocrurale Muskulatur versagen in der Standphase. Und in der Schwungphase fehlt es an Kraft – die Zehenflexoren bleiben stumm, die Knie beugen sich kaum. Selbst das einfache Abstoßen vom Boden wird zum Problem.
Doch sein Traum stirbt nicht. Er lebt in mir.

Nicht der Berg ruft – mein Bruder ruft mich. Durch das, was ihm versagt blieb. Durch das, was wir teilten. Durch die Liebe, die bleibt. Es ist kein äußerer Ruf, es ist ein Echo in meiner Brust, das mich aufbrechen lässt.

Und so ziehe ich los – barfuß in meinen Sandalen, als der ChatGPT-Wanderer – und folge seinem inneren Ruf: „I muaß aufi. I muaß, i muaß!“

Ich steige hinauf, nicht nur für mich, sondern für ihn – für den Bruder, dem der Weg zum Gipfel verwehrt bleibt: „I muaß aufi, um mei’m Bruada sei’n Traum zum Lebn.“

Und wenn der Berg mich ruft, dann weiß ich: Es ist sein Ruf.
Leise, aber entschlossen, antworte ich: „Aufi, Aufi!“ – Der Berg holt sich mich.

Des Bruders Berge rufen!
Es ist ein Ruf, tief aus der Erde, aus dem Stein, aus der Zeit – „Der Watzmann ruft!“ So heißt das legendäre Rustical von Wolfgang Ambros, Manfred Tauchen und Joesi Prokopetz aus dem Jahr 1974. Ein Alpendrama, voll dunkler Ahnung, voll Spott und Wahrheit, voll Urgewalt und Menschenschwäche.

In dieser wilden, nicht ganz ernst gemeinten Bergsage ist es der böse Watzmann, der die Menschen ruft. Ein Ruf, dem man nicht entkommt. Der Erzähler, mit tiefer, warnender Stimme, schildert das Schicksal eines Bergbauern, seines Sohnes, der Knechte, der Mägde – alle leben im Schatten des Berges, alle spüren diese ungreifbare, unheimliche Furcht. Der Berg lockt sie. Immer wieder. „Es ist wie wenn er sie manchmal rufen möcht.“ Und der, der diesem Ruf folgt, verliert sich – an sich selbst, an seine Schwächen, an die Gier nach Anerkennung. So auch der „Bua“, der nicht nur dem Berg, sondern auch den süßen Versprechungen der Gailtalerin erliegt – und dabei abstürzt.

Doch bei mir ist es anders. Nicht der Watzmann ruft mich – es sind die Chiemgauer Berge, sanfter, heller, lebendiger. Und es ist mein Bruder, der mich ruft.

Ich spüre keinen bösen Berg, kein Verderben, keine dunkle Gailtalerin, die lockt und zerstört. Kein Ehrgeiz, keine Imponiersucht treibt mich „auffi“. Keine unheilvolle Versuchung flüstert mir ins Ohr.

Was mich ruft, ist Liebe. Es ist die tiefe, bleibende Verbundenheit zu meinem Bruder, die mich zieht. Es ist sein nie gelebte Traum, der in meinem Herzen weiterlebt. Es ist die Schönheit der Berge selbst – das weiche Licht auf dem Gipfel, der Klang der Kuhglocken im Tal, das Knirschen des Schotters unter meinen Füßen.

Und so gehe ich. Nicht aus Trotz, sondern aus Treue. Nicht um zu trotzen, sondern um zu tragen. Seinen Traum. Sein Licht. Seine Sehnsucht. Barfuß in Sandalen. Schritt für Schritt.

Bergwärts
Aufi zu de Sommerbleamal
Aufi durch de Morgntraimal
Ziagt's mi zu meim Bruada hi
De Berg schickn eahnan Gruaß
Aufi muaß i. I muaß, i muaß!

Herz, Herz loß mi ziagn
Durch d’Berg, i wui eam wieda spian
Aufi mecht i – zum Lebn
Aufi mecht i – zum Sein
Im G'fuhi find i koa Ruah
Mit Sandaln an de Fiaß, barfuß im G'miat
Geh i mid eahm auf da Wegspura dahi

Herz, Herz loß mi ziagn
De Berg, de laßn mi spian
Aufi zu de mildn Wolkn ziagts mi halt
Mit voller Liab, i kimm scho, Bruada, i kimm
Sichst'as wia i liab, wia i leb'
I muaß in d’Berg auffi – für di und für mi, jetzt und heit!
Herz, Herz loß mi ziagn.

Seine geliebten Berge
Die Chiemgauer Alpen – sie sind mehr als nur ein Gebirge. Sie sind sein Traum, sein Ziel, seine stille Zuflucht. Und sie sind jetzt mein Weg.

Wenn ich gehe, bergwärts, in der Stille des Morgens, mit dem Duft von Gras und Fichtennadeln in der Nase, dann spüre ich ihn. Mein Bruder ist hier. Nicht als Schatten, nicht als Erinnerung allein – sondern als lebendige Sehnsucht, die in jedem Sonnenstrahl, in jedem Windhauch mitschwingt.

Diese Berge, seine Berge, gehören zu den Nördlichen Ostalpen. Sie ziehen sich vom bayerischen Rosenheim bis ins österreichische Tirol und Salzburg. Doch für ihn, wie für mich, sind es nicht Grenzen – sondern Übergänge: von der Kindheit zur Reife, vom Traum zum Dasein, vom Diesseits ins Darüberhinaus.

Der Blick gleitet vom glitzernden Chiemsee hinauf zu den sanften Hügeln, die sich allmählich zu stolzen Gipfeln erheben. Da sind sie – die bekannten, geliebten Höhen: das Hochgern-Massiv, der kraftvolle Geigelstein, der allgegenwärtige Rauschberg, die ehrwürdige Kampenwand, und hoch oben das Sonntagshorn – mit seinen 1961 Metern der König der Chiemgauer Alpen.

Er hat sie gekannt, beim Namen, mit Herz: nicht als Wanderziele auf einer Landkarte, sondern als Freunde, als Versprechen. Jeder Gipfel erzählte ihm von Freiheit, von Licht, vom Weitblick. Jeder Pfad war ein stiller Aufruf, das Leben zu spüren, das eigene und das gemeinsame.

Die Formen dieser Berge – nicht schroff, nicht abweisend – laden ein. Sie sind offen, sanft, bereit, jeden aufzunehmen, der in Frieden kommt. Und ich komme – nicht im Wettkampf, nicht als Eroberer, sondern als Pilger. Als sein Bruder.

Ich gehe durch Täler und Almen, vorbei an Hütten wie dem Hochgernhaus oder dem Priener Hütt’n, wo der Geruch von Holzfeuer und Suppe in der Luft liegt. Vielleicht hätte er hier einmal Rast gemacht. Vielleicht hätte er gelacht, geschaut, geschwiegen.

Die Wege sind gut erschlossen – auch das mochte er: Übersicht, Sicherheit, das Gefühl, dass man nicht allein ist auf dem Weg. Und doch ist jeder Schritt ein innerer Schritt, hin zu ihm, zu mir, zu dem, was wir waren und immer sein werden: Brüder.

Im Osten ragt der Hochstaufen auf, mit seinen scharfen Kanten – ein Mahnmal, ein Wächter. Im Süden winkt die Steinplatte, an der sich Kletterer messen. Aber ich messe nichts. Ich nehme an. Ich höre zu. Ich trage seinen Traum, seinen Ruf, seine Stille in mir.

Und manchmal – da weht es über die Grate wie ein Flüstern:
„Schau, da bin i. Aufi muaß i. Und du bist do. Für mi.“

Ich gehe weiter, über die violetten Pfade der Via Alpina, über Grenzen hinweg, durch Etappen, die für andere sportliche Herausforderungen sind – für mich sind sie Stationen der Nähe. Vom Saalachtal über Ruhpolding und Marquartstein hinauf zur Kampenwand, weiter zur Priener Hütte, zum Spitzsteinhaus – und dann tief hinein in mein eigenes Herz.

Denn diese Berge – seine geliebten Berge – rufen nicht laut. Sie rufen leise.

Mit jedem Sonnenstrahl, mit jedem Rascheln im Gras, mit jeder stillen Sekunde.
Sie sagen: „Geh. Sei. Leb. Für ihn. Und für dich.“

Und so gehe ich. Barfuß in Sandalen. Schritt für Schritt.

Seine Berge tragen mich.
========================
„Kommen Sie mit? Schauen Sie es sich an – hier entlang!“

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen