In einer Welt, in der Worte die Macht besitzen, uns zu verbinden oder zu trennen, gibt es bestimmte Ausdrücke, die wie unbarmherzige Ketten wirken – unweigerlich die Freiheit der Gedanken und Gefühle einschränken. Diese „schlimmen Wörter“ sind wie festgefügte Mauern, die die Wahrnehmung der Welt in engen Bahnen lenken. Doch wie bei einem Lied, dessen Melodie sich mit jedem Takt verändert, so können auch diese Worte eine tiefere Bedeutung entfalten, wenn man beginnt, ihren Ursprung zu begreifen und sie mit Bedacht zu nutzen.
Im Anfang war das Wort, sagt der Prolog des Johannes-Evangeliums, und auch im Beginn jeder Geschichte liegt das Wort. Es ist das, was uns die Welt in ihrer Vielfältigkeit begreifbar macht. Doch manche Worte, wie „richtig“ und „falsch“, erheben sich aus der Menge und setzen enge Grenzen, wo die Welt doch in all ihrer Schönheit und Komplexität lebt. Wenn wir etwas als „richtig“ oder „falsch“ bezeichnen, entfernen wir uns von der Wahrheit der Grauzonen. Es gibt so viele Nuancen, so viele verschiedene Perspektiven, die in diesen Begriffen keinen Platz finden. Doch wir sagen „richtig“, weil es uns Sicherheit gibt. Es ist einfacher, das Leben in schwarz und weiß zu sehen, als sich mit den vielen Farben auseinanderzusetzen, die zwischen den beiden existieren.
Und dann ist da das Wort „normal“, das so viel Gewicht trägt, als sei es der einzige Maßstab, an dem sich das Leben messen lässt. Was bedeutet es wirklich, „normal“ zu sein? Diese Vorstellung, dass es einen Standard gibt, an dem sich jeder orientieren muss, setzt so viele Menschen unter Druck, sich in eine Form zu pressen, die nicht ihre eigene ist. Wer legt fest, was „normal“ ist, wenn doch jeder von uns seine eigene Geschichte trägt, die weit über jede Definition hinausgeht?
„Alle“ und „jeder“ – wie unzählige Male haben diese Worte das Gefühl der Zugehörigkeit oder des Ausschlusses geprägt. Wir sagen „alle tun das“ oder „jeder weiß das“, und doch ist es selten die Wahrheit. Wir vergessen die Vielzahl an Erfahrungen, die jenseits dieser Verallgemeinerung liegen. In dem Moment, in dem wir sagen „alle“, schließen wir die Einzelfälle aus, die uns in ihrer Besonderheit die wahre Tiefe des Lebens zeigen. „Jeder“, so ein weiterer Begriff, der in seiner pauschalen Form keine Exklusivität zulässt, obwohl doch jeder von uns einzigartig ist, jeder mit einer Geschichte, die sich nicht in eine Massenmeinung einordnen lässt.
„Nie“ und „immer“ sind die stärksten Ketten in unserem sprachlichen Arsenal. Diese Worte schaffen eine Welt, in der alles entweder für immer oder niemals ist, in der Hoffnung und Veränderung keinen Raum haben. Wenn wir sagen „Das passiert immer“ oder „Das passiert nie“, berauben wir uns der Möglichkeit, dass sich die Dinge ändern können, dass sie sich in einem neuen Licht zeigen können, das wir vorher nicht kannten. In dieser Welt gibt es keine Wunder, keine Wendungen, keine Überraschungen.
Dann gibt es das Wort „muss“. „Du musst dies tun“, sagen wir, und in diesem Moment geben wir dem anderen keine Wahl mehr. Wir nehmen ihm die Freiheit der Entscheidung, als ob er keine eigenen Gedanken und Gefühle mehr hätte. Und doch liegt wahre Nähe im Respekt der Entscheidung des anderen, im „Es wäre schön, wenn du…“ oder „Es könnte hilfreich sein, wenn…“ – in der Anerkennung der Freiheit, sich selbst zu entfalten.
„Keiner versteht das“, so ein Satz, der oft wie eine Mauer vor uns aufragt. In dem Moment, in dem wir sagen „keiner“, schließen wir die Möglichkeit aus, dass es jemanden gibt, der unsere Situation versteht oder der bereit ist, sich auf unser Innerstes einzulassen. Wir gehen davon aus, dass niemand uns sehen kann, aber das ist ein Trugschluss. Im Grunde genommen gibt es immer jemanden, der unser Herz in seiner Sprache begreifen kann.
„Verstehen“, das ist ein weiteres Wort, das oft zu einer Bürde wird. Wenn wir sagen „Du musst es verstehen“, setzen wir den anderen unter Druck, etwas zu akzeptieren, das vielleicht nicht in seiner Weltanschauung Platz findet. Es ist nicht immer nötig, dass jemand unsere Gedanken oder Taten vollständig versteht – viel wichtiger ist, dass er bereit ist, zuzuhören und zu respektieren, auch wenn er nicht zustimmt.
„Würdest du nicht?“ – auch dieses Wort drückt eine Form von Druck aus, die subtiler, aber dennoch spürbar ist. Wir geben dem anderen nicht die Freiheit, eine Entscheidung für sich selbst zu treffen. Anstatt zu fragen „Würdest du nicht?“, könnten wir fragen „Könntest du vielleicht?“, was dem anderen mehr Raum lässt, auf seine eigene Weise zu reagieren.
Und dann ist da „allein“, dieses Wort, das in seiner Schwere eine ganze Welt der Isolation erschafft. Doch in Wahrheit ist niemand wirklich allein, wenn er bereit ist, sich zu öffnen und die Hand zu ergreifen, die ihm in der Dunkelheit gereicht wird. Auch das Gefühl der Einsamkeit kann mit einem einfachen, einladenden „Ich bin für dich da“ gemildert werden.
„Sicher“, dieses Wort, das eine trügerische Gewissheit ausstrahlt, als ob alles festgelegt wäre. Doch die Wahrheit des Lebens ist, dass nichts sicher ist. Der einzige wahre „Sicherheitsfaktor“ im Leben ist die Veränderung selbst, die uns unablässig vorwärts treibt.
In all diesen „schlimmen Wörtern“ steckt eine Wahrheit, die wir vielleicht noch nicht vollständig begreifen, aber die in ihrer Tiefe so viel Potenzial birgt. Diese Worte können uns fesseln, doch sie können auch befreit werden, wenn wir beginnen, sie mit Bedacht und Liebe zu verwenden. So wie das Wort am Anfang war, so ist auch die Macht des Wortes in uns allen. Wir entscheiden, welche Worte wir wählen, und welche Wirkung sie auf uns und auf die Welt um uns herum haben.

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