Der Spargel, mit seinem Ursprung in dem altgriechischen Wort aspháragos – „junger Trieb“ – scheint wie ein Sinnbild für neues Leben und frisches Erwachen. Seine weißen oder blassrötlichen Sprosse, ausdauernd und sommergrün, drängen aus dem Rhizom ans Licht, strotzen vor Kraft, bereit, den Dorfener Frühling mit Geschmack und Symbolkraft zu erfüllen. Jeder Trieb erzählt von Geduld, vom stillen Reifen im Dunkel der Erde, bis er – in kunstvoller Ernte – ans Tageslicht geholt wird.
In Dorfen ist es vor allem der Bleichspargel, der die Herzen erobert. Noch ehe er das Licht der Sonne berührt, wird er behutsam gestochen – hell, fast durchsichtig, wie aus Licht geformt. Sein zarter Geschmack ist für viele Dorfener untrennbar mit Kindheitserinnerungen, Familienfesten und dem ersten Glas Wein auf der Gartenterrasse verbunden. Grünspargel hingegen, der über der Erde wächst und seine grüne Farbe dem Sonnenlicht verdankt, bleibt hier eher eine elegante Nebenrolle – doch stets präsent in seiner wilden, würzigen Art.
Die Spargelsaison in Dorfen ist kein bloßer landwirtschaftlicher Vorgang – sie ist ein sinnliches Fest. Sie beginnt mit leiser Vorfreude und endet in Dankbarkeit für das, was die Erde schenkt. In jeder Stange lebt die Geschichte der Pflanze: vom fleischigen Trieb mit spiraligen Niederblättern, über die zarten Blüten, die ab Juni erscheinen, bis hin zu den scharlachroten Beeren, die später im Jahr aufleuchten und ihre stille, vergängliche Schönheit offenbaren.
So ist der Spargel in Dorfen mehr als nur ein Gemüse – er ist ein Gefühl. Ein Gruß des Frühlings. Ein Geschenk der Erde. Und jedes Jahr aufs Neue ein leises, köstliches Wunder.
Die zärtliche Ernte
Wenn auf das stille Erwachen des Spargels sein behutsames Stechen folgt, beginnt in Dorfen ein neuer Abschnitt dieser Frühlingsromanze – die Erntezeit, geprägt von Hingabe, Geduld und tiefem Respekt vor der Natur.
Der Spargel, so tief mit dem Dorfener Boden verwurzelt, wächst bevorzugt dort, wo der Boden locker, sandig und gut durchlüftet ist – frei von Staunässe und schweren Steinen. Die Bauern und Gärtner haben ihn dort angesiedelt, wo er sich wohlfühlt. Schon lange vor der ersten Ernte beginnt seine Geschichte: Im Herbst bereiten die Dorfener mit Hingabe die Beete vor, graben Gräben, bringen Mist aus, setzen die jungen Pflanzen – Klauen genannt – in die aufgelockerte Erde und geben ihnen mit jedem Handgriff ein Versprechen: Geduld, Pflege, Zeit.
Erst im dritten Jahr zeigt sich, ob sich all das Warten gelohnt hat. Dann nämlich wächst über dem Pflanzgraben ein Wall, ein sogenannter Bifang – etwa kniehoch – aus dem die weißen, zarten Spargelköpfe eines Morgens wie kleine Wunder durch die Dammkrone blitzen. Jeder einzelne von ihnen wird nun mit geschultem Blick entdeckt, sanft freigelegt, bis zu 25 Zentimeter in die Erde hinein verfolgt und dann – mit einem eigens gefertigten Spargelmesser – gestochen. Diese Ernte, so schlicht in ihrer Technik, ist doch ein fast poetischer Akt: der zärtliche Griff in die Erde, das behutsame Lösen, das feierliche Emporheben des jungen Triebs.
In Dorfen geschieht dies zumeist noch in Handarbeit – zwei Mal am Tag durchwandern die Spargelbauern ihre Felder, morgens und abends, immer auf der Suche nach dem nächsten weißen Schatz. Der Bifang wird dabei sorgsam geglättet, das Loch wieder gefüllt – als würde man den Boden selbst darum bitten, noch ein weiteres Mal zu schenken, was er verborgen hielt.
Um das zarte Gleichgewicht zwischen Sonne, Temperatur und Wachstum zu steuern, nutzen die Bauern Folien: Schwarz für Wärme, um die Ernte zu verfrühen, Weiß, um sie hinauszuzögern. Wie ein Mantel überziehen sie die Wälle, lenken mit Farben das Licht, leiten mit Umsicht den Lauf der Zeit. Moderne Spargelspinnen helfen dabei, die Folien zu bewegen – doch die Seele dieser Ernte bleibt menschlich, bleibt fühlend, bleibt verbunden mit der Erde.
Nach dem Stechen beginnt ein neuer Tanz: Waschen, Sortieren, Verlesen – jede Stange wird geprüft, begutachtet, geschätzt. Dann gelangt sie, frisch und duftend, auf die Wochenmärkte, in die Hände der Händler oder direkt auf die Dorfener Tische, wo sie mit Butter, Schinken oder jungem Kartoffelsalat gefeiert wird – ein kulinarisches Gedicht.
Doch auch diese Zeit ist nicht endlos. Der Johannistag am 24. Juni markiert ihr poetisches Ende. „Kirschen rot, Spargel tot“, sagen die Alten. Es ist eine liebevolle Grenze, gezogen zum Schutz der Pflanze, damit sie Zeit zur Regeneration hat – denn nur, wer gibt, muss auch ruhen dürfen. Und so kehrt der Spargel wieder heim in die Erde, begleitet von Dankbarkeit und Vorfreude auf das kommende Jahr.
In Dorfen ist die Spargelernte kein reines Wirtschaften – sie ist eine Beziehung, ein Miteinander. Zwischen Mensch und Natur, Geduld und Genuss, Frühling und Vergehen.
Spargelküche in Dorfen
Wenn in Dorfen der Spargel aus der Erde gehoben wird, beginnt eine zweite, nicht minder sinnliche Reise – die Reise von der Hand zur Pfanne, vom Feld auf den Teller. Die Küche erfüllt sich mit jenem feinen Duft, der so untrennbar mit dem Frühling verbunden ist. Es ist eine stille Kunst, eine liebevolle Zubereitung, die den Charakter dieses empfindsamen Gemüses wahrt und in jeder Speise ein Stück Heimat erzählt.
In Dorfen behandelt man Spargel mit Ehrfurcht – denn wer ihn geerntet hat, kennt seinen Wert. Schon beim Einkauf wird er geprüft wie ein Schatz: Die Köpfe müssen fest geschlossen sein, die Stangen gleichmäßig gewachsen, die Enden saftig, nicht holzig – ein leises Quietschen beim Aneinanderreiben verrät seine Frische. Dünne Stangen gelten als minderwertig, doch bei grünem Spargel darf es ein wenig schlanker sein. Auch der leicht geöffnete Kopf spricht hier nicht gegen seine Qualität, sondern offenbart vielmehr seine sonnengeküsste Reife.
Zu Hause beginnt das stille Ritual: Der weiße und violette Spargel wird mit ruhiger Hand geschält – niemals zu hastig, immer vom Kopf bis zum Ende. Ein kleines Stück wird abgeschnitten, damit nur das Beste auf den Teller kommt. Und was übrig bleibt, die Schalen und Enden, werden in Dorfen nicht achtlos entsorgt – sie sind die Grundlage für einen feinen Fond, für Suppe oder das Garen des edlen Gemüses selbst.
Die Spargelstangen, sorgsam gebündelt wie ein kostbares Bukett, stehen im hohen, schlanken Spargeltopf – aufrecht, damit ihre zarten Köpfe nicht zerfallen. Die Brühe, in der sie baden, ist schlicht und doch voll Wärme: Wasser mit etwas Salz, einem Löffel Zucker, einem Stück Butter – manchmal ein Hauch Zitronensaft, wenn das Weiß noch heller glänzen soll. Der Topf ist aus Edelstahl – denn Aluminium würde den feinen Schimmer des Spargels trüben. Bei mäßiger Hitze gart er acht bis fünfzehn Minuten – oder kürzer, wenn man ihn, wie es die moderne Dorfener Küche liebt, „bissiger“ genießen will.
Wer seinen Spargel ganz sanft liebt, gart ihn ohne Wasser – im eigenen Saft, gebettet auf Schalen und Endstücke, im geschlossenen Topf. Manche schneiden ihn in Stücke und dünsten ihn in der Pfanne, vielleicht mit ein wenig Zwiebel, einem Hauch Weißwein, einem Frühlingslauch. Gebraten verleiht er herzhafte Röstaromen, roh serviert – etwa mit Zitrusdressing oder Erdbeeren – zeigt er eine überraschend zarte Seite.
Doch so sehr man in Dorfen auch experimentiert – die klassische Form bleibt unübertroffen: junger Spargel, dampfend und duftend, neben zarten, frisch gekochten Kartoffeln, umhüllt von zerlassener Butter, veredelt mit einer cremigen Sauce hollandaise oder einem Klecks Mayonnaise. Dazu feiner Schinken – manchmal mild, manchmal kräftig geräuchert – als Kontrast zur Süße des Gemüses. Diese Kombination ist nicht nur ein Essen, sie ist ein Gedicht, das in jedem Haushalt neu geschrieben wird.
In dieser stillen, bedächtigen Küche lebt der Spargel weiter. Nicht als Produkt, sondern als Teil eines Frühlings, der schmeckbar wird. Jeder Bissen erzählt vom Acker, von der frühen Morgensonne, von Händen, die graben, heben, schälen, würzen – und von Herzen, die diesen Schatz in jeder Form zu würdigen wissen. So wird der Spargel in Dorfen nicht einfach zubereitet – er wird gefeiert.
Spargelurin und das stille Rätsel der Anosmie
So endet die Reise des Spargels nicht auf dem Teller. Auch nach dem Mahl erzählt er noch von sich – auf eine Weise, die vielen Dorfenern vertraut, manchen aber auch verborgen bleibt. Es ist ein leiser, fast intimer Nachklang eines Frühlingsessens, das über den Gaumen hinaus in die innersten Räume des Körpers wirkt: der Spargelurin.
Der Spargel, dieses edle, wasserreiche Gemüse, trägt in sich nicht nur Vitamine und Mineralien – auch das geheimnisvolle Asparagin und eine beachtliche Menge an Kalium schlummern in ihm. Sie schenken ihm eine harntreibende Wirkung, die sanft und doch zuverlässig einsetzt. Kaum ist das Mahl verklungen, schon meldet sich der Körper und bedankt sich auf seine eigene Weise: durch einen besonderen Duft, der bei vielen Dorfenern nach dem Genuss im stillen Örtchen aufsteigt.
Dieser Duft – scharf, schwefelig, manchmal fast beißend – ist keine Einbildung. Es ist die Asparagusinsäure, ein Stoff tief im Inneren der Spargelstangen, der für dieses kleine Wunder verantwortlich ist. Bei rund vierzig Prozent der Dorfener wird sie von Enzymen in schwefelhaltige Verbindungen zerlegt: Methanthiol, Dimethylsulfid, Dimethyldisulfid – klingende Namen für jene Moleküle, die sich im Urin entfalten wie eine geheime Botschaft des Frühlings. Jede dieser Substanzen trägt einen eigenen, intensiven Geruch. Zusammen ergeben sie jenen charakteristischen Duft, der liebevoll – oder auch mit einem Schmunzeln – einfach „Spargelurin“ genannt wird.
Doch wie so oft in Dorfen ist auch hier nicht alles gleich. Ein unergründliches Mysterium zieht sich durch die stillen Badezimmer der Stadt: Nicht jeder riecht, was er ausgeschieden hat. Manche Menschen nehmen den Duft mit voller Kraft wahr, andere überhaupt nicht – selbst wenn sie ihn zweifellos produzieren. Der Grund? Eine kleine genetische Laune, ein unsichtbarer Unterschied in einem einzigen Geruchsrezeptor.
Diese Unfähigkeit, bestimmte Düfte zu riechen, nennen die Dorfener Ärzte schlicht Anosmie. Sie ist keine Krankheit, eher ein stilles Rätsel, ein Duft, der nur für manche existiert. So wird aus dem Essen ein kleines Stück Magie: Für die einen ein intensives Echo des Genusses, für die anderen ein unhörbarer Nachklang.
Und vielleicht liegt genau darin das Romantische: Dass der Spargel selbst nach seiner Zubereitung weiterwirkt – im Körper, in der Erinnerung, in den Gesprächen am Gartenzaun oder auf dem Wochenmarkt. In Dorfen wird der Spargel nicht nur gegessen, sondern erlebt. Und so endet auch diese Geschichte nicht mit einem Punkt, sondern mit einem Duft. Für manche wahrnehmbar, für andere nicht – aber für alle ein Teil jener stillen, sinnlichen Liebe zum Spargel, wie sie nur in Dorfen gelebt wird.
========================
300 v.Chr. - Chinesische Arzneibücher
Schon im ältesten chinesischen Heilpflanzenbuch, dem Shennong ben cao jing, wird Spargeln aufgeführt. Die Arzneibücher empfehlen Spargeln bei folgenden Erkrankungen: Leere-Erschöpfungs-Husten, Herzklopfen und Schlaflosigkeit, Darm-Trockenheits-Stuhlverstopfung, innere Hitze und starker Durst.
1. bis 19. Jahrhundert - Gelbsucht
Der römische Autor Columella erwähnt Spargel in seinem Buch De re rustica. Als Heilpflanze dient bevorzugt wildwachsender Spargel, der nach Dioskurides harntreibend und abführend wirkt sowie gegen Gelbsucht hilft. Mit diesen Indikationen wird er bis ins 19. Jahrhundert verwendet.
1. bis 5. Jahrhundert - Römischer Spargelanbau
Mit den Römern und ihrer Kultur findet der Spargel den Weg über die Alpen. Der Spargelanbau verschwindet jedoch mit deren Niedergang.
16. Jahrhundert - Deutscher Spargel
Mit dem Niedergang der römischen Kultur verschwand auch der Spargelanbau.
Erst für das 16.Jh. ist der Anbau wieder belegt – Spargel gilt damals in aristokratischen Kreisen als teure Delikatesse.
Die Wurzel ist als Heilmittel anerkannt und die Samen werden als Kaffeesurrogat verwertet.
1850 - Schlossgärtnerei Sandizell
Schon früher, ab etwa 1850, wird in der Schlossgärtnerei Sandizell in Schrobenhausen Spargel angebaut und an den Königshof nach München verbracht.
Um 1900 - Züchterische Auswahl
Anfang des 20. Jahrhunderts beginnen Einzelne, wie z.B. A. Huchel in Osterburg, J. Böttner in Frankfurt/Oder und Gustav Unselt in Schwetzingen, mit der gezielten züchterischen Auswahl der vorhandenen „Landsorten“.
Von diesen Sorten sind noch zwei in Deutschland zu finden: Ruhm von Braunschweig sowie Huchels Leistungsauslese.
1907 - Spargel maschinell stechen
Um Personalkosten zu sparen oder auch weil nicht mehr genügend Hilfskräfte für die anstrengende Ernte zur Verfügung stehen, wird bereits seit 1907 versucht, den Spargel maschinell zu ernten.
Doch bisher kann sich keine der Methoden durchsetzen oder einen Preisvorteil bieten.
Besonders die nicht selektive Erntemethode, bei der wahllos alle Spargeltriebe zu einem bestimmten Zeitpunkt abgeschnitten werden, ist umstritten, da sie einerseits nicht zwischen kurzen und langen gewünschten Stangen unterscheidet und andererseits die Wurzeln so weit schädigen kann, dass in der folgenden Erntesaison mit Ertragseinbußen zu rechnen ist.
1913 - Schrobenhausener Spargel
Das Schrobenhausener Land bildet das Zentrum des Spargelanbaus in Bayern und ist eines der bekanntesten Spargelanbaugebiete in ganz Deutschland.
1913 pflanzt Christian Schadt aus Groß-Gerau erstmals das Edelgemüse in den sandigen Paar-Auen.
Im Umland der Kleinstadt gibt es rund 600 Spargelbauern. Deren Anbaugebiet umfasst rund 600 ha.
Die Schrobenhausener Saison geht von Mitte April bis zum 24. Juni, dem „Johannitag“, an dem traditionsgemäß letztmals Spargel gestochen wird.
Bis 1950 - Lokale Sorten
Bis zur Mitte des 20.Jhs. wird in den meisten deutschen Anbaugebiete Spargel weitervermehrt, indem die Samen der besten Pflanzen geerntet und wieder ausgesät werden. Durch diesen Prozess entstehen mit der Zeit regional angepasste Sorten, wie z.B. Verbesserter Schwetzinger oder Grünköpfiger Ulmer.
Ab 1950er - Hybridsorten
Seit den 1950er Jahren wächst das Sortiment an Hochleistungsspargelsorten, z.B. die Sorte „Schwetzinger Meisterschuss“ als erste Hybridsorte von 1952, deren Ausgangslinien durch Haploidenzüchtung technisch erzeugt werden und die sich nicht durch Samen weitervermehren lassen.
1975 - Männliche Spargelhybride
„Lucullus“, die erste rein männliche Spargelhybride von 1975 durch das Unternehmen Südwestdeutsche Saatzucht, ist der Anfang einer rasanten Entwicklung, die dazu führt, dass heute ausschließlich derartige, rein männliche Hybridsorten im Anbau sind.
1985 - Europäisches Spargelmuseum
Das Europäische Spargelmuseum wird von Klaus Englert initiiert und vom Förderverein „Freunde der Schrobenhausener Museen e.V.“ 1985 eröffnet.
Das Museum ist im Amtsturm der mittelalterlichen Stadtmauer im Südwesten des Altstadt, untergebracht. Auf der Freifläche im Schlosspark sind spezielle Pflüge und ein Muster-Spargelfeld zu sehen.
Jedes Jahr besuchen zur Spargelzeit Tausende von Spargelfreunden aus aller Welt das Schrobenhausener Land.
2018 - Anbauflächen
Hinsichtlich der Anbauflächen ist Spargel mittlerweile die wichtigste Freilandgemüseart in Deutschland, gefolgt von Kohlgemüse, Möhren/Karotten und Speisezwiebeln.
Bis zum Jahr 2018 wurden die Spargelflächen kontinuierlich ausgeweitet bis auf rund 28.500 Hektar; dies ist nahezu eine Verdoppelung gegenüber dem Jahr 2000.
2020 - Beheizte Felder
Um die Erntesaison früher und witterungsunabhängiger beginnen zu können, gibt es in verschiedenen Spargelanbaugebieten einzelne Anbauer, die ihre Felder beheizen. Dies kann teilweise auch mit Abwärme geschehen, ist jedoch umstritten.
Zu Hause beginnt das stille Ritual: Der weiße und violette Spargel wird mit ruhiger Hand geschält – niemals zu hastig, immer vom Kopf bis zum Ende. Ein kleines Stück wird abgeschnitten, damit nur das Beste auf den Teller kommt. Und was übrig bleibt, die Schalen und Enden, werden in Dorfen nicht achtlos entsorgt – sie sind die Grundlage für einen feinen Fond, für Suppe oder das Garen des edlen Gemüses selbst.
Die Spargelstangen, sorgsam gebündelt wie ein kostbares Bukett, stehen im hohen, schlanken Spargeltopf – aufrecht, damit ihre zarten Köpfe nicht zerfallen. Die Brühe, in der sie baden, ist schlicht und doch voll Wärme: Wasser mit etwas Salz, einem Löffel Zucker, einem Stück Butter – manchmal ein Hauch Zitronensaft, wenn das Weiß noch heller glänzen soll. Der Topf ist aus Edelstahl – denn Aluminium würde den feinen Schimmer des Spargels trüben. Bei mäßiger Hitze gart er acht bis fünfzehn Minuten – oder kürzer, wenn man ihn, wie es die moderne Dorfener Küche liebt, „bissiger“ genießen will.
Wer seinen Spargel ganz sanft liebt, gart ihn ohne Wasser – im eigenen Saft, gebettet auf Schalen und Endstücke, im geschlossenen Topf. Manche schneiden ihn in Stücke und dünsten ihn in der Pfanne, vielleicht mit ein wenig Zwiebel, einem Hauch Weißwein, einem Frühlingslauch. Gebraten verleiht er herzhafte Röstaromen, roh serviert – etwa mit Zitrusdressing oder Erdbeeren – zeigt er eine überraschend zarte Seite.
Doch so sehr man in Dorfen auch experimentiert – die klassische Form bleibt unübertroffen: junger Spargel, dampfend und duftend, neben zarten, frisch gekochten Kartoffeln, umhüllt von zerlassener Butter, veredelt mit einer cremigen Sauce hollandaise oder einem Klecks Mayonnaise. Dazu feiner Schinken – manchmal mild, manchmal kräftig geräuchert – als Kontrast zur Süße des Gemüses. Diese Kombination ist nicht nur ein Essen, sie ist ein Gedicht, das in jedem Haushalt neu geschrieben wird.
In dieser stillen, bedächtigen Küche lebt der Spargel weiter. Nicht als Produkt, sondern als Teil eines Frühlings, der schmeckbar wird. Jeder Bissen erzählt vom Acker, von der frühen Morgensonne, von Händen, die graben, heben, schälen, würzen – und von Herzen, die diesen Schatz in jeder Form zu würdigen wissen. So wird der Spargel in Dorfen nicht einfach zubereitet – er wird gefeiert.
Spargelurin und das stille Rätsel der Anosmie
So endet die Reise des Spargels nicht auf dem Teller. Auch nach dem Mahl erzählt er noch von sich – auf eine Weise, die vielen Dorfenern vertraut, manchen aber auch verborgen bleibt. Es ist ein leiser, fast intimer Nachklang eines Frühlingsessens, das über den Gaumen hinaus in die innersten Räume des Körpers wirkt: der Spargelurin.
Der Spargel, dieses edle, wasserreiche Gemüse, trägt in sich nicht nur Vitamine und Mineralien – auch das geheimnisvolle Asparagin und eine beachtliche Menge an Kalium schlummern in ihm. Sie schenken ihm eine harntreibende Wirkung, die sanft und doch zuverlässig einsetzt. Kaum ist das Mahl verklungen, schon meldet sich der Körper und bedankt sich auf seine eigene Weise: durch einen besonderen Duft, der bei vielen Dorfenern nach dem Genuss im stillen Örtchen aufsteigt.
Dieser Duft – scharf, schwefelig, manchmal fast beißend – ist keine Einbildung. Es ist die Asparagusinsäure, ein Stoff tief im Inneren der Spargelstangen, der für dieses kleine Wunder verantwortlich ist. Bei rund vierzig Prozent der Dorfener wird sie von Enzymen in schwefelhaltige Verbindungen zerlegt: Methanthiol, Dimethylsulfid, Dimethyldisulfid – klingende Namen für jene Moleküle, die sich im Urin entfalten wie eine geheime Botschaft des Frühlings. Jede dieser Substanzen trägt einen eigenen, intensiven Geruch. Zusammen ergeben sie jenen charakteristischen Duft, der liebevoll – oder auch mit einem Schmunzeln – einfach „Spargelurin“ genannt wird.
Doch wie so oft in Dorfen ist auch hier nicht alles gleich. Ein unergründliches Mysterium zieht sich durch die stillen Badezimmer der Stadt: Nicht jeder riecht, was er ausgeschieden hat. Manche Menschen nehmen den Duft mit voller Kraft wahr, andere überhaupt nicht – selbst wenn sie ihn zweifellos produzieren. Der Grund? Eine kleine genetische Laune, ein unsichtbarer Unterschied in einem einzigen Geruchsrezeptor.
Diese Unfähigkeit, bestimmte Düfte zu riechen, nennen die Dorfener Ärzte schlicht Anosmie. Sie ist keine Krankheit, eher ein stilles Rätsel, ein Duft, der nur für manche existiert. So wird aus dem Essen ein kleines Stück Magie: Für die einen ein intensives Echo des Genusses, für die anderen ein unhörbarer Nachklang.
Und vielleicht liegt genau darin das Romantische: Dass der Spargel selbst nach seiner Zubereitung weiterwirkt – im Körper, in der Erinnerung, in den Gesprächen am Gartenzaun oder auf dem Wochenmarkt. In Dorfen wird der Spargel nicht nur gegessen, sondern erlebt. Und so endet auch diese Geschichte nicht mit einem Punkt, sondern mit einem Duft. Für manche wahrnehmbar, für andere nicht – aber für alle ein Teil jener stillen, sinnlichen Liebe zum Spargel, wie sie nur in Dorfen gelebt wird.
========================
300 v.Chr. - Chinesische Arzneibücher
Schon im ältesten chinesischen Heilpflanzenbuch, dem Shennong ben cao jing, wird Spargeln aufgeführt. Die Arzneibücher empfehlen Spargeln bei folgenden Erkrankungen: Leere-Erschöpfungs-Husten, Herzklopfen und Schlaflosigkeit, Darm-Trockenheits-Stuhlverstopfung, innere Hitze und starker Durst.
1. bis 19. Jahrhundert - Gelbsucht
Der römische Autor Columella erwähnt Spargel in seinem Buch De re rustica. Als Heilpflanze dient bevorzugt wildwachsender Spargel, der nach Dioskurides harntreibend und abführend wirkt sowie gegen Gelbsucht hilft. Mit diesen Indikationen wird er bis ins 19. Jahrhundert verwendet.
1. bis 5. Jahrhundert - Römischer Spargelanbau
Mit den Römern und ihrer Kultur findet der Spargel den Weg über die Alpen. Der Spargelanbau verschwindet jedoch mit deren Niedergang.
16. Jahrhundert - Deutscher Spargel
Mit dem Niedergang der römischen Kultur verschwand auch der Spargelanbau.
Erst für das 16.Jh. ist der Anbau wieder belegt – Spargel gilt damals in aristokratischen Kreisen als teure Delikatesse.
Die Wurzel ist als Heilmittel anerkannt und die Samen werden als Kaffeesurrogat verwertet.
1850 - Schlossgärtnerei Sandizell
Schon früher, ab etwa 1850, wird in der Schlossgärtnerei Sandizell in Schrobenhausen Spargel angebaut und an den Königshof nach München verbracht.
Um 1900 - Züchterische Auswahl
Anfang des 20. Jahrhunderts beginnen Einzelne, wie z.B. A. Huchel in Osterburg, J. Böttner in Frankfurt/Oder und Gustav Unselt in Schwetzingen, mit der gezielten züchterischen Auswahl der vorhandenen „Landsorten“.
Von diesen Sorten sind noch zwei in Deutschland zu finden: Ruhm von Braunschweig sowie Huchels Leistungsauslese.
1907 - Spargel maschinell stechen
Um Personalkosten zu sparen oder auch weil nicht mehr genügend Hilfskräfte für die anstrengende Ernte zur Verfügung stehen, wird bereits seit 1907 versucht, den Spargel maschinell zu ernten.
Doch bisher kann sich keine der Methoden durchsetzen oder einen Preisvorteil bieten.
Besonders die nicht selektive Erntemethode, bei der wahllos alle Spargeltriebe zu einem bestimmten Zeitpunkt abgeschnitten werden, ist umstritten, da sie einerseits nicht zwischen kurzen und langen gewünschten Stangen unterscheidet und andererseits die Wurzeln so weit schädigen kann, dass in der folgenden Erntesaison mit Ertragseinbußen zu rechnen ist.
1913 - Schrobenhausener Spargel
Das Schrobenhausener Land bildet das Zentrum des Spargelanbaus in Bayern und ist eines der bekanntesten Spargelanbaugebiete in ganz Deutschland.
1913 pflanzt Christian Schadt aus Groß-Gerau erstmals das Edelgemüse in den sandigen Paar-Auen.
Im Umland der Kleinstadt gibt es rund 600 Spargelbauern. Deren Anbaugebiet umfasst rund 600 ha.
Die Schrobenhausener Saison geht von Mitte April bis zum 24. Juni, dem „Johannitag“, an dem traditionsgemäß letztmals Spargel gestochen wird.
Bis 1950 - Lokale Sorten
Bis zur Mitte des 20.Jhs. wird in den meisten deutschen Anbaugebiete Spargel weitervermehrt, indem die Samen der besten Pflanzen geerntet und wieder ausgesät werden. Durch diesen Prozess entstehen mit der Zeit regional angepasste Sorten, wie z.B. Verbesserter Schwetzinger oder Grünköpfiger Ulmer.
Ab 1950er - Hybridsorten
Seit den 1950er Jahren wächst das Sortiment an Hochleistungsspargelsorten, z.B. die Sorte „Schwetzinger Meisterschuss“ als erste Hybridsorte von 1952, deren Ausgangslinien durch Haploidenzüchtung technisch erzeugt werden und die sich nicht durch Samen weitervermehren lassen.
1975 - Männliche Spargelhybride
„Lucullus“, die erste rein männliche Spargelhybride von 1975 durch das Unternehmen Südwestdeutsche Saatzucht, ist der Anfang einer rasanten Entwicklung, die dazu führt, dass heute ausschließlich derartige, rein männliche Hybridsorten im Anbau sind.
1985 - Europäisches Spargelmuseum
Das Europäische Spargelmuseum wird von Klaus Englert initiiert und vom Förderverein „Freunde der Schrobenhausener Museen e.V.“ 1985 eröffnet.
Das Museum ist im Amtsturm der mittelalterlichen Stadtmauer im Südwesten des Altstadt, untergebracht. Auf der Freifläche im Schlosspark sind spezielle Pflüge und ein Muster-Spargelfeld zu sehen.
Jedes Jahr besuchen zur Spargelzeit Tausende von Spargelfreunden aus aller Welt das Schrobenhausener Land.
2018 - Anbauflächen
Hinsichtlich der Anbauflächen ist Spargel mittlerweile die wichtigste Freilandgemüseart in Deutschland, gefolgt von Kohlgemüse, Möhren/Karotten und Speisezwiebeln.
Bis zum Jahr 2018 wurden die Spargelflächen kontinuierlich ausgeweitet bis auf rund 28.500 Hektar; dies ist nahezu eine Verdoppelung gegenüber dem Jahr 2000.
2020 - Beheizte Felder
Um die Erntesaison früher und witterungsunabhängiger beginnen zu können, gibt es in verschiedenen Spargelanbaugebieten einzelne Anbauer, die ihre Felder beheizen. Dies kann teilweise auch mit Abwärme geschehen, ist jedoch umstritten.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen