Samstag, 22. März 2025

Vom Glück des Wanderns

📖 Lesezeit: ca. 6 Minuten
"Vom Glück des Wanderns" ist ein Buch des Philosophen Albert Kitzler, das seine tiefe Verbindung zwischen Wandern und Lebensphilosophie beleuchtet. Kitzler zeigt auf, wie ihm das Wandern als Spiegelbild des Lebens dient, indem es Aspekte wie Aufbruch, Loslassen, Anstiege, Abstiege und das Erreichen von Zielen widerspiegelt.

In diesem Buch betont Kitzler, dass Wandern für ihn mehr ist als nur eine Freizeitaktivität. Es ermöglicht ihm, dem Alltag zu entfliehen, Abstand zu gewinnen, die Natur zu erleben und sowohl Seele als auch Körper zu stärken, was zur Förderung seiner Gesundheit beiträgt. Darüber hinaus sieht er im Wandern eine natürliche Verbindung zur Philosophie, da es die verschiedenen Facetten des Lebens symbolisiert.

Kitzler integriert in seinem Werk auch Gedanken berühmter Philosophen wie Nietzsche, Platon und Goethe, um die philosophische Dimension des Wanderns zu unterstreichen. Er ermutigt die Leser, das Wandern als eine Möglichkeit zur Selbstfindung und persönlichen Reflexion zu nutzen, wobei Themen wie Gefühle und Dankbarkeit behandelt werden.

Das Buch umfasst etwa 280 Seiten und wurde im Mai 2019 vom Verlag Droemer Knaur veröffentlicht. Es dient als authentischer philosophischer Wegbegleiter, der die Leser motiviert, das Wandern nicht nur als körperliche Aktivität, sondern auch als geistige und spirituelle Erfahrung zu betrachten.

Wandern in Muße ist Nicht-Handeln.
Wunschlosigkeit ist leicht zu ernähren,
Bedürfnislosigkeit braucht keinen Aufwand.
Die alten Weisen nannten das:
Wanderschaft, bei der man die Wahrheit pflückt.

In diesen Zeilen von Kitzler liegt eine tiefe Weisheit – ein philosophischer Ruf, der uns dazu einlädt, uns selbst in der „reinen“ Natur zu begegnen. Doch für mich ist dieser Ruf nicht der Weg zur inneren Einkehr, sondern führt zu einer Konfrontation mit der Wildnis, die mich eher verunsichert als befreit. Kitzler spricht von der Wanderschaft als einer Form des Nicht-Handelns, als einem Akt der Wunschlosigkeit. Doch für mich ist das Wandern in der unberührten Natur keineswegs ein Ort des Nicht-Handelns – es ist ein ständiges Handeln, ein ständiges Beobachten und Abwägen der Gefahren, die uns umgeben.

Wenn ich mich in die freie Natur begebe, empfinde ich nicht die erhoffte Ruhe. Im Gegenteil, jeder Schritt in das unbekannte Terrain wird zur Herausforderung für meinen Geist. Die Wildnis, die uns in all ihrer Schönheit und Unberührtheit umgibt, erinnert mich an ihre Gefährlichkeit. Ich höre das Rascheln von Tieren im Unterholz, das entfernte Knacken von Ästen, und plötzlich bin ich nicht mehr in der Gegenwart, sondern in einer Welt voller Bedrohungen und Unvorhersehbarkeiten.

Die Wahrheit, die Kitzler beschreibt, scheint in diesen Momenten nur schwer zu finden, denn mein Geist ist gefangen in der Angst. Angst vor dem Unbekannten, vor dem, was sich hinter den Bäumen verbergen könnte, vor den Elementen, die sich plötzlich gegen mich wenden. In einem Zustand von ständiger Wachsamkeit kann ich unmöglich „absichtslos“ sein. Wie soll man in der Wildnis abschalten, wenn der Drang zu überleben das einzige ist, was den Verstand beherrscht?

Diese Vorstellung von der „reinen Natur“ als dem Ort der Selbstfindung erscheint mir immer mehr wie ein romantisches Ideal, das von der Realität der meisten Menschen weit entfernt ist. In der heutigen Welt gibt es immer weniger Plätze, die tatsächlich unberührt und wild sind. Die Landschaft, in der wir leben, ist fast überall gestaltet, von Menschen geformt und bearbeitet. Und vielleicht ist das auch gut so, denn die Freiheit und Ruhe, die Kitzler für das Wandern in der Wildnis anführt, finde ich nicht im wilden, ungezähmten Naturraum, sondern in der gestalteten Natur, die mich umgibt.

Wenn ich durch die Straßen von Dorfen spaziere, bin ich nicht weniger in der Natur, sondern in einer gestalteten, von Menschen gelebten Natur. Hier gibt es keine ständige Bedrohung, keine unvorhersehbaren Gefahren. Der Weg ist vertraut, die Landschaft ist mir bekannt, die Pflanzen und Bäume sind gepflegt, die Wege geebnet. Hier bin ich nicht mit der „wilden Natur“ konfrontiert, sondern mit einer Natur, die durch die Hand des Menschen in Einklang mit seinem Leben gestaltet wurde. Und genau hier finde ich meine Ruhe.

Es ist dieser Raum der Vertrautheit und Sicherheit, der es mir ermöglicht, abzuschalten, in den Rhythmus des Gehens einzutauchen und den Kopf von den Sorgen des Alltags zu befreien. Ich gehe ohne Ziel, ohne eine festgelegte Absicht, aber in einem Raum, der mir Vertrauen bietet. Dieses Vertrauen ist der Schlüssel zu der „Wunschlosigkeit“, die Kitzler beschreibt. Denn ohne Angst und Sorge kann ich in den Moment eintauchen und wirklich loslassen.

Vielleicht liegt die Wahrheit, von der Kitzler spricht, nicht in der Wildnis, sondern in der Art und Weise, wie wir uns mit der Natur verbinden. Es ist nicht die Unberührtheit der Natur, die uns zu uns selbst führt, sondern die Vertrautheit und der Raum, in dem wir uns sicher und geborgen fühlen. Für mich ist dieser Raum heute immer mehr die gebändigte Natur, die durch die Hand des Menschen geformt und in Einklang mit der menschlichen Lebensweise gebracht wurde.

Vielleicht zeigt sich die wahre Wanderschaft nicht im Streben nach der „wilden Natur“, sondern im Gehen im Einklang mit der Gestaltung der Welt, die uns umgibt. Auch in der gepflegten Landschaft, in den Parks, den Dörfern und Städten, kann der Mensch zu sich selbst finden – ohne die ständige Angst, die uns in der unberechenbaren Wildnis begleitet.

Doch hier wird der entscheidende Unterschied zwischen Wandern und Spazieren offenbar: Wandern, in der ursprünglichen Vorstellung, ist nicht einfach ein Gehen in der Natur. Wenn ich wirklich in die unberührte Wildnis aufbreche, dann muss ich mich nicht nur mit der Frage des Weges befassen, sondern auch mit den viel grundlegenderen Fragen des Überlebens. Ich muss Nahrung, Wasser und alles, was ich zum Leben brauche, mitnehmen. Ich kann nicht „absichtslos“ sein, weil ich ständig für mein Wohlbefinden sorgen muss. Diese Form des Wanderns ist das Gegenteil von „Nicht-Handeln“. Es ist geprägt von Planung, Vorsicht, und dem Bedürfnis, sich durch die rauen, unberechenbaren Elemente zu navigieren.

Im Gegensatz dazu ist das Spazieren in der gestalteten Natur, die uns umgibt, ein ganz anderer Akt. Hier kann ich meine Sinne öffnen und meinen Geist beruhigen, ohne mich ständig vor Gefahren zu schützen oder mir Gedanken um das Überleben zu machen. Es ist das Nicht-Handeln, von dem Kitzler spricht, weil der Weg hier nicht mit einer Zweckbestimmung verbunden ist – er ist einfach ein Weg, um in den Moment einzutauchen, ohne Sorgen und Ängste, sondern in völliger Entspannung und Hingabe an die Gegenwart. Spazieren ist der Akt des loslassens, des Abschaltens von der Welt der Aufgaben und Sorgen.

Vielleicht ist es also genau dieses Spazieren, das Kitzler in seinem Leitgedicht meint – nicht das „Wandern“ in der wilden Natur, die uns immer wieder zurück in die Jagd nach Ressourcen und Sicherheit zieht, sondern das ziellose Gehen, das nicht zweckgerichtet ist. Nur hier kann man wirklich die „Wahrheit pflücken“, weil der Verstand befreit ist und im Einklang mit der gestalteten Natur ruht.

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