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Zwischen Gerste und Weizen
Ich gehe spazieren, wie so oft, wenn der Tag noch jung ist und die Luft nach Sommer duftet. Vor mir breitet sich die Landschaft in ihrer vollen Weite aus, weich geschwungen, leicht hügelig, durchzogen von Wegen, Hecken und den sanften Linien der Felder. Und dann geschieht etwas, das mich jedes Mal aufs Neue tief berührt: Das goldene Licht der Morgensonne fällt über die Felder – und die Gerste beginnt zu tanzen.
Goldgelb steht sie da, reif und weich geneigt, mit langen Grannen, die im Wind schimmern wie feine Haare. Die Halme wiegen sich wie Wellen in einem Meer aus Korn. Sie strömen nicht, sie rauschen nicht – sie atmen. Ein leises, lebendiges Pulsieren geht durch das Feld, als spräche es in einer Sprache, die älter ist als jedes Wort. Nebenan hebt sich der Weizen, noch nicht ganz reif, in einem tiefen, beruhigenden Blaugrün. Er wirkt stiller, ernster fast – wie der Ältere unter Geschwistern. Seine Ähren recken sich ruhiger, doch auch sie lassen sich vom Wind führen, beugen sich kurz und richten sich wieder auf, als wollten sie dem Himmel danken.
Ich bleibe stehen. Sehe hinaus auf diese wogenden Felder, die in der frühen Sonne glänzen wie Stoffe aus Licht. Es sind Meere – Meere aus Korn. Und doch viel mehr als das: Es ist Nahrung. Leben. Geschichte. In Bayern sagt man, das Bier sei „flüssiges Brot“. Und so schwingt in jeder Gerste nicht nur der Hunger, sondern auch das Brauchtum, das Lachen, das Zusammensein. Man trinkt sie in Maßkrügen und feiert sie in Liedern. Ich frage mich: Wird die Gerste von hier, von diesen Feldern rund um Dorfen, heute noch fürs Brauen verwendet? Seit die alte Bachmayer'sche Brauerei ihre Tore geschlossen hat, ist es stiller geworden in der Stadt, zumindest was das Brauen betrifft. Ob die Felder nun für andere Zwecke bestellt werden?
Früher wuchs hier mehr Vielfalt. Da gab es neben Gerste und Weizen auch noch Einkorn, Emmer und Hafer – alte Getreide, klein, genügsam, mit viel Charakter. Ihre Namen klingen wie aus einer anderen Zeit, beinahe poetisch: Emmer – das Urkorn mit dem nussigen Geschmack. Einkorn – das Korn der Frühbauern. Hafer – der Liebling der Pferde und der Morgenmüsli. Sie sind verschwunden. Verdrängt. Nicht mehr wirtschaftlich, heißt es. Ich aber vermisse sie, so wie man alte Freunde vermisst, die einfach nicht mehr vorbeikommen.
Und stattdessen? Stattdessen wächst der Mais. Immer mehr Mais. Hoch und dicht steht er, fast schon fremd in dieser alten Landschaft. Und doch ist er nicht mehr wegzudenken. Er hat seine Aufgabe. Energiemais. In manchen Jahren macht er bis zu 80 % der Substrate aus, die in den Biogasanlagen rund um Dorfen verarbeitet werden. Im Sommer wird er geerntet, siliert und dann – ganzpflanzlich – in dunklen Fermentern vergoren. Methan entsteht, das in Blockheizkraftwerken zu Strom und Wärme wird. Es riecht dann manchmal leicht säuerlich, wenn man nahe an den Anlagen vorbeigeht, und ich weiß: Das ist Energie aus Pflanzenkraft.
Ich denke an die Anlage der Familie Greimel bei Nicklhub, nicht weit von Schirmading. Ein einfacher Hof mit moderner Technik. Dort wird Tag für Tag Strom erzeugt – bis zu 1,8 Megawatt. Ein großer Teil davon fließt in das Netz, das Dorfen mit Licht und Wärme versorgt. Es ist ein neuer Rhythmus, eine neue Form des Erntens – nicht für den Teller oder das Fass, sondern für die Steckdose.
Und während ich so weitergehe, zwischen Kornmeer und Maiswald, zwischen Geschichte und Zukunft, fühle ich etwas Eigenartiges: Es ist keine Traurigkeit und kein Stolz. Es ist eher ein stilles Staunen – über die Kraft dieser Erde, über den Wandel und über das, was bleibt. Die Felder erzählen. Und ich höre zu.
Ein Halm, der Geschichte trägt
Wenn ich an einem späten Frühsommertag durch die Felder um Dorfen wandere, bleibe ich gerne bei einem bestimmten Acker stehen. Es ist ein stiller Ort, etwas abseits der Straße, dort, wo die sanften Hügel beginnen und die alten Wege sich zwischen Wiesen und Hecken verlieren. Hier wächst die Gerste – schlank, aufrecht, unbehaart, mit glänzenden Halmen, die sich im Wind neigen, als wollten sie mir ein altes Lied zuflüstern.
Die Gerste ist kein auffälliges Getreide. Sie ist nicht mächtig wie der Mais, nicht stolz wie der Weizen. Und doch geht eine stille Würde von ihr aus, eine Bodenständigkeit, die mir tief vertraut ist. Sie gehört hierher, so wie die alten Höfe und die sanft geschwungenen Wege. Ihre schlanken Ähren ragen bis zu einem Meter hoch in den Himmel, gekrönt von langen Grannen, die im Sonnenlicht wie Silberfäden leuchten. Ich betrachte sie und erinnere mich.
Es ist über 300 Jahre her, als Dorfen zu einem Ort der Hoffnung und des Glaubens wurde. Im Jahr 1707 wird die wundertätige Kraft des Gnadenbilds bestätigt, das in der kleinen Kirche verehrt wird. Und plötzlich strömen sie herbei – die Pilger. Zehntausende. Hunderttausend und mehr. Jahr für Jahr kommen sie mit Bitten und Danksagungen, mit offenen Herzen und müden Füßen. Sie wollen beten. Aber sie wollen auch essen, trinken und schlafen. Und so wächst die Stadt. Fast zwei Dutzend Wirtshäuser entstehen, und sechs Brauereien füllen die Fässer. Es duftet nach Gerstensaft und Brot, nach Suppen, Grütze und Festlichkeit. Die Gerste ist da, im Bier, im Brei, auf dem Tisch – unscheinbar und doch unersetzlich.
Heute ist es stiller geworden. Die alte Bachmayer’sche Brauerei hat ihre Tore geschlossen, und ich frage mich: Wird hier, auf diesen Feldern, überhaupt noch Braugerste angebaut? Oder geht sie direkt in den Futtertrog, in die Fermenter, oder vielleicht gar ins Ausland? Die Gerste ist genügsam. Sie gedeiht hier, wo das Klima sommers kühl bleibt, auf den fruchtbaren, neutralen Lehmböden mit guter Wasserführung. Sie trotzt dem Frost, hält Trockenheit aus und wächst sogar hoch oben in den Bergen, bis über 1500 Meter, manchmal sogar bis 2000, wenn der Hang ihr wohlgesinnt ist.
Doch nicht jede Gerste ist gleich. Die zweizeilige Sommergerste, die im Frühjahr gesät wird, ist besonders beliebt, wenn es um Malz und Braukunst geht. Sie enthält viel Stärke, wenig Protein – ideal, damit das Bier klar bleibt und nicht trüb wird. Und selbst wenn sie nicht im Braukessel landet, so wird sie doch verwendet: als Grütze, als Graupen, als Mehl. Manchmal sogar in Form von Brot, das aus Gerstenmehl gebacken wird – mit sanftem Geschmack und dem festen Biss eines alten Lebensmittels.
Ich gehe weiter am Feld entlang, beuge mich über die Halme und sehe, wie sie aus den Bestockungstrieben Ähren bilden. Die Pflanze lebt in Zyklen, geprägt vom Rhythmus des Jahres. Die Wintergerste, schon im September gesät, nutzt die Feuchtigkeit der kalten Monate. Sie bringt mehr Ertrag, wenn der Winter nicht zu streng ist. Unter minus 15 Grad erfriert sie – ein stilles, empfindsames Wesen, das Kraft aus der Kühle zieht, aber keine Grausamkeit verträgt.
Im Sommer beginnt die Ernte meist mit ihr – mit der Wintergerste. Sie liefert bis zu 90 Dezitonnen pro Hektar, mehr als ihre sommers gesäte Schwester. Und doch hat jede ihren Wert, ihren Platz. Die eine fürs Brauen, die andere fürs Füttern. Die Körner sitzen fest in den Spelzen und müssen entschält werden, ehe sie in die Küche gelangen. Und wer Grütze kennt, der weiß, dass sie nicht nur sättigt, sondern wärmt – von innen heraus, wie ein leiser Trost.
Ich streife weiter durch das hohe, helle Gras. Im Licht schimmern die Körner, und ich weiß: In ihnen steckt mehr als Nahrung. Beta-Glucan, ein löslicher Ballaststoff, der das Herz schützt – nicht wie beim Hafer in der Hülle, sondern verborgen im hellen Kern. Aber auch Gluten – nicht für alle verträglich, doch seit Jahrtausenden in der Nahrung der Menschen. Und immer bleibt sie nah – die Gerste. Ob als Korn, Flocke oder Brot, ob im Kochtopf oder im Krug, ob als einfache Suppe oder als edler Sud.
Selbst das Stroh spricht. Weicher als das des Weizens, saugfähiger vielleicht, aber nicht immer geeignet als Einstreu. Denn die Grannen, diese feinen Borsten, können reizen, können in den Atemwegen der Tiere kitzeln oder gar stören. Doch auch das ist Teil ihres Wesens – zart und wehrhaft zugleich.
Ich bleibe stehen, sehe zurück auf das Feld. Vielleicht wächst sie auch heute noch für das Bier, vielleicht für Brot oder Tierfutter – ich weiß es nicht genau. Aber ich weiß: Die Gerste ist Teil dieser Landschaft. Und Teil unserer Geschichte. Wie ein stiller, ernster Begleiter, der nicht prahlt, aber bleibt. Ein Halm, der Geschichte trägt. Ein Korn, das Heimat bedeutet. Ein Feld, das mehr erzählt, als man auf den ersten Blick vermutet.
Das helle Brot der Felder
Wenn ich am frühen Morgen durch die Felder östlich von Dorfen spaziere, öffnet sich vor mir ein weites, stilles Bild: Die Weizenfelder. Weich und blaugrün steht das Korn im Licht der ersten Sonne, feiner Tau glänzt auf den Halmen. Ein Windhauch streift über das Land, und wie in Zeitlupe beginnen die Ähren zu tanzen – ein leises, flüsterndes Wogen, das mich für einen Moment innehalten lässt. Hier ist kein Lärm, kein Hast, nur das rauschende Gespräch der Gräser, das uralte Lied des Feldes.
Der Weizen – hell und fein – wird nicht umsonst das „weiße Getreide“ genannt. Sein Name stammt vom lateinischen „tritum“, das „gedroschen“ oder „gerieben“ bedeutet, und vom althochdeutschen „wīz“, was „weiß“ meint – wegen des hellen Mehls, das aus ihm gewonnen wird. Und wenn ich über die Felder blicke, sehe ich nicht nur Pflanzen, sondern eine jahrtausendealte Kultur. Der Weizen ist ein Teil von allem. Er ist Brot, Leben, Symbol. Er nährt die Welt. Zusammen mit Reis und Mais ist er eine der tragenden Säulen der Menschheit – und auch hier in Dorfen ist er bis heute nicht wegzudenken.
Ich blicke auf die schlanken Halme, die sich sanft neigen, wenn ich an ihnen vorbeigehe. Sie erreichen Höhen zwischen 40 und 160 Zentimetern, bilden feine Büschel, und an ihrem Ende tragen sie das Versprechen: eine Ähre, sechs bis achtzehn Zentimeter lang, prall gefüllt mit Körnern. Sie sind botanisch „Karyopsen“, einsamige Schließfrüchte – ein nüchterner Name für etwas so Kostbares. Etwa 40 bis 65 Gramm bringt ein Tausendkorn auf die Waage. Und in jedem einzelnen Korn steckt das ganze Feld, die ganze Jahreszeit, das ganze Werden und Wachsen.
Hier in Dorfen gedeiht vor allem der Winterweizen, der auf über 90 % der deutschen Weizenflächen wächst. Er wird ab Ende September gesät, manchmal auch noch im Dezember, je nach Wetter und Lage. Anders als die Gerste ist der Weizen kein Dunkelkeimer – er keimt lichtneutral. Bei feuchtwarmen Böden zeigt er sich schon nach zwei, drei Wochen über der Erde, beginnt seine Bestockung, überdauert den Winter und schießt im Frühjahr empor. In dieser Zeit wächst in jeder Pflanze eine Ähre heran – sie schiebt sich später aus dem Halm heraus, und nach der Blüte bildet sich das Korn. Zwei bis drei solcher Halme trägt jede Pflanze, je nach Pflege, Sorte und Glück. Und in jeder Ähre sitzen bis zu 40 Körner – golden, voll, bereit.
Der Weizen liebt den Sommer, braucht gute Böden und verlässliche Feuchtigkeit – und doch kommt er auch mit Kälte zurecht. Temperaturen bis −20 °C übersteht er, wenn er stark genug ist. Und was ihm fehlt, muss man ihm geben: Stickstoff, in mehreren Gaben, gleichmäßig verteilt. Er will gepflegt werden – nicht aus Gier, sondern aus Natur. Wer ihn versteht, erntet reich.
Auch die Sommerweizensorten, die früh im Jahr gesät werden, sind hier zu finden – seltener zwar, doch mit besonderen Qualitäten. Ihre Körner sind glasig und eiweißreich, gut für Gebäck, Waffeln, Kekse. Es gibt sogar Wechselweizen – ein Sommerweizen, der schon im Spätherbst gesät werden kann. Doch all diese Sorten bleiben ein leiser Klang neben dem Hauptton: dem Winterweizen.
In Dorfen steht der Weizen aber nicht nur für Ertrag und Nahrung. Er steht für das Brot, das jeden Tag in den Backöfen aufgeht – in den Bäckereien der Stadt, in den Stuben der Bauern, auf den Tischen der Familien. Die Sorten, die hier wachsen, werden vom Bundessortenamt nach Backqualität eingeteilt: von der E-Gruppe, dem Eliteweizen mit höchstem Volumen, bis zur C-Gruppe, die eher als Futtergetreide dient. Und dazwischen: Brotweizen, Qualitätsweizen, Weizen mit besonderen Eigenschaften. Ich denke an die Hand des Bäckers, der genau weiß, was er aus welchem Mehl macht. An das Kind, das sich auf die erste Scheibe freut. An den alten Mann, der sein Krustenbrot mit einem Lächeln schneidet.
Und auch Dinkel, Emmer, Einkorn – alte Weizenarten, heute kaum noch wirtschaftlich, doch voller Aroma und Geschichte – haben hier ihre Spuren hinterlassen. Der Grünkern, mineralreich und duftend, wird in manchen Küchen wieder geschätzt. Und der Hartweizen? Er kommt kaum vor in Dorfen, eher im Süden Europas. Doch ich stelle mir vor, wie er einst in Körben lag, goldgelb, bereit für die Pasta der Zukunft.
Wenn die Ernte im Hochsommer beginnt, summen die Mähdrescher über die Felder. Das Korn wird geerntet, das Stroh bleibt gehäckselt liegen oder wird zu Ballen gepresst – für die Ställe, für die Wärme, für die Tiere. Und im Korn selbst: Stärke, Eiweiß, Fett, Wasser. Ausgewogen, klar, nahrhaft. Und tief im Inneren, in den Keimen, ruht das Öl – goldfarben, vitaminreich. Weizenkeimöl, voller Vitamin E, mit einem Hauch von Tocotrienolen – fein, aber empfindlich, lichtscheu, wie das Korn selbst.
Manchmal denke ich, wenn ich durch das Weizenfeld gehe, dass dieser Ort mehr ist als Landwirtschaft. Er ist ein Gedächtnisfeld. Ein Spiegel dessen, was hier war und was noch kommen wird. Das Korn erinnert sich. Es trägt die Wärme des Sommers, das Zittern des Frühlings, das leise Pochen des Winters und die dunkle Erde des Herbstes in sich. Und wenn es reif ist, wenn es goldgelb in der Sonne steht und der Wind es neigt – dann weiß ich: Hier lebt etwas Fortdauerndes, etwas, das mich überdauert, etwas, das bleibt.
Der Weizen ist kein Wunder. Aber er ist ein Geschenk. Und in Dorfen, zwischen den Feldern, den Hügeln und den Höfen, wächst er – jedes Jahr neu, jedes Jahr vertraut, jedes Jahr ein wenig anders. Und jedes Jahr mit der stillen Hoffnung, dass wir ihn erkennen, ehren und mit Bedacht ernten. So wie es unsere Vorfahren taten – und wie es vielleicht auch unsere Kinder einmal tun werden.
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10.500 v. Chr. - Wilde Gerste
Ursprungsgebiete der Gerste, die eng verwandt mit der im Nahen Osten vorkommenden Wildgerste ist, sind der Vordere Orient und der östliche Balkan.
Die ältesten Nachweise von Gerstenutzung lassen sich bis 10.500 v.Chr. zurückdatieren.
8.000 v. Chr. - Kulturgerste
Bei Wildgerste fallen die reifen Körner aus der Ähre und müssen mühsam aufgesammelt werden. Menschen ernten und pflegen vor rund 10.000 Jahren im Gebiet des Fruchtbaren Halbmondes bevorzugt Mutationen, bei der die reifen Körner in der Ähre bleiben. Die Kulturgerste entsteht somit nicht durch eine gezielte Auslese.
In vielen Gebieten ist die Gerste über Jahrtausende ein wichtiges Grundnahrungsmittel in Form von Brei oder Suppe; Gerste, Einkorn und Emmer sind die ersten vom Menschen gezielt angebauten Getreidearten.
Ab 7.800 v. Chr. - Nacktweizen
Die ältesten Nacktweizenfunde stammen aus der Zeit zwischen 7800 und 5200 v.Chr. Damit ist Weizen nach der Gerste die zweitälteste Getreideart.
Die ältesten Funde von Nacktweizen in Europa stammen aus dem westmediterranen Raum, dem Siedlungsbereich der Cardial- oder Impressokultur des 7.Jt. v.Chr.
Ab 7.000 v. Chr. - Zuchtauswahl der Gerste
Ab etwa 7000 v. Chr. beginnt die systematische Zuchtauswahl und wird als klassisches Getreide der Antike in Mesopotamien und am Nil angebaut.
Ab 5.700 v. Chr. - Einkorn und Emmer
Einkorn und Emmer gehören zu den wichtigsten Kulturpflanzen der Linearbandkeramik zwischen 5700 und 4100 v.Chr., einer neolithischen Kultur mit Ackerbau und Viehhaltung in Mitteleuropa.
Die Kultur mit ihren dörflichen Siedlungen nutzt zunächst die tief liegenden Lößflächen für den Feldbau. Angebaut werden neben Einkorn noch Emmer, Dinkel, Lein und die Hülsenfrüchte Linse und Erbse, im Schwendbau.
Reste von Einkorn werden u.a. auch bei der Gletschermumie „Ötzi“ in den Alpen gefunden.
Ab 5.500 v. Chr. - Gerste in Mitteleuropa
Die Kulturgerste wird seit der Jungsteinzeit auch in Mitteleuropa angebaut.
Ab 3.200 v. Chr. - Vergorener Getreidetrunk
Die Sumerer, eines der ersten Hochvölker Mesopotamiens, brauen aus gekeimter und getrockneter Gerste einen vergorenen Getreidetrunk, der bereits große Ähnlichkeiten mit einfachem Bier hat.
In Keilschrifttexten aus Uruk (ca. 3.200 v.Chr.) finden sich Hinweise auf Bierrezepte und Bierrationen für Arbeiter.
Auch das Gilgamesch-Epos erwähnt das Biertrinken als Zeichen der Zivilisation.
Ab 2.800 - Nacktweizen und Gerste
Im Endneolithikum in Süd- und Mitteldeutschland, am Übergang zur Bronzezeit mit Beginn der Schnurkeramik von ca. 2800–2200 v. Chr., ist der Nacktweizen nach zeitweiliger Ausbreitung über Mitteleuropa auf eine Region beiderseits des Oberrheins und der Schweiz reduziert. Doch lange bleibt der Anbau hinter dem der Getreidearten Einkorn, Emmer und Gerste zurück.
Ab 2.200 v. Chr. - Grütze
Die Grütze ist ein uraltes Grundnahrungsmittel. Man verwendet sie als Brei, Suppe oder Brezensatz. Besonders in der Bronze- und Eisenzeit (ca. 2.200–500 v. Chr.) ist Grütze in Mitteleuropa weit verbreitet.
Die Urgetreidearten Emmer, Einkorn und Gerste werden auf einfachste Weise verarbeitet – durch Quetschen, Stampfen oder grobes Zermahlen –, wobei Grützen entstehen: grobkörnige Stücke, die in Wasser gekocht werden.
Ab 6. Jahrhundert v. Chr. - Getreidegetränke der Kelten
In Bayern beginnt die Geschichte des Bierbrauens mit Gerste lange vor der Römerzeit. Schon die keltischen Stämme, die ab dem 6.Jh. v.Chr. in Bayern siedeln, stellen gärende Getreidegetränke her – vor allem aus Gerste und Emmer.
410 v. Chr. - Ptisane des Hippokrates
„Gerstenwasser“, eine Grütze aus gekochten Gerstengraupen oder deren Absud, wird von Hippokrates wegen ihrer schleimigen Beschaffenheit und guten Verdaulichkeit als Nähr- und Heilmittel therapeutisch eingesetzt.
Ab 400 v. Chr. - Graupen
Graupen, also polierte oder „geperlte“ Getreidekörner, meist aus Gerste, benötigen fortgeschrittene Mahltechniken, wie sie ab der späten Eisenzeit (La-Tène-Zeit, ca. 400 v. Chr.) bekannt sind.
15 v. Chr. bis 400 n. Chr. - Bajuwaren bevorzugen Getreidebieren
In der römischen Provinz Raetien, zu der ein Teil des heutigen Bayern gehört, ist zwar Wein beliebter, doch die lokale Bevölkerung hält an ihren Getreidebieren fest.
Nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches übernehmen die Bajuwaren, die Brautradition und setzen weiterhin auf Gerste.
Ab 500 - Grütze und Graupen
Im Mittelalter bleiben Grütze und Graupen alltägliche Speisen, besonders für die Landbevölkerung und Klöster. Sie gelten als nahrhaft, lange haltbar und günstig.
Gerstengraupen, Dinkelgrütze oder Hafergrütze kommen in Suppen, Breien oder Würsten und als Viehfutter zum Einsatz. In Fastenzeiten ersetzen sie Fleisch.
Ab 700 - Klosterbrauereien
Der große Aufschwung der Gerstenbierkultur beginnt mit den christlichen Klöstern im Frühmittelalter. Ab dem 8.Jh. entstehen überall in Bayern Klosterbrauereien – etwa in Tegernsee, Weihenstephan oder Aldersbach.
Die Mönche verfeinern die Kunst des Mälzens, entwickeln spezielle Brauverfahren und setzen auf Sommergerste, die gut lagerfähig und kräftig im Geschmack ist.
Ab 1000 - Weißbrot
Erst durch das Weißbrot, das ab dem 11.Jh. in Mode kommt, etabliert sich der Weizen. Heute ist Weizen in Deutschland die am häufigsten angebaute Getreideart und nimmt den größten Anteil der Getreideanbauflächen ein.
16. Jahrhundert - Verbote des Weizenbieres
Das Brauen von Weizenbier wird in Bayern im 16.Jh. des Öfteren verboten, da sich nicht alle an das ursprüngliche Verbot halten, und die Degenberger müssen sich das Privileg in dieser Zeit mehrfach bestätigen lassen.
1516 - Bayerisches Reinheitsgebot
Ein Höhepunkt ist das bayerische Reinheitsgebot von 1516, erlassen von Herzog Wilhelm IV. in Ingolstadt. Es schreibt vor, dass Bier nur aus Gerste, Hopfen und Wasser gebraut werden darf. Der Grund: Weizen soll dem Brotbacken vorbehalten bleiben, Roggen ist zu kostbar – Gerste ist die ideale Braugerste, weil sie wenig Gluten hat, gut keimt und beim Mälzen süß wird.
Von da an prägt die Gerste das bayerische Bier: Ob Helles, Dunkles oder Bock – der Geschmack und die Braukunst hängen eng mit dieser Getreideart zusammen.
Auch heute noch stammt der Großteil der Braugerste in Bayern aus heimischem Anbau, vor allem aus der Hallertau, Oberfranken und Niederbayern.
1548 - Weizenbier der Freiherrn von Degenberg
1548 erhält der Freiherr von Degenberg das Privileg zugesprochen, nördlich der Donau Weizenbier zu sieden. Im übrigen Bayern ist das Brauen von Weizenbier zu dieser Zeit verboten (Reinheitsgebot).
Zum einen soll Weizen für die Ernährung der Bevölkerung gesichert werden, zum anderen kann der bayerische Herzog Wilhelm IV. so die Degenberger näher an sich binden.
Der Freiherr von Degenberg muss als Gegenleistung für das Privileg jährliche Zahlungen leisten.
Ab 1602 - Weiße Brauhäuser
Als 1602 das Geschlecht der Grafen von Degenberg im Mannesstamm ausstirbt, fällt das Privileg zum Weizenbierbrauen an den bayerischen Herzog Maximilian I. zurück.
Er tritt das degenbergische Erbe zügig an, übernimmt deren „Weiße Brauhäuser“ und gründet selbst neue, 1607 das erste und älteste noch bestehende in Kelheim.
Das Weizenbiermonopol, auch Weizenbierprivileg oder Weizenbierregal genannt, ist somit eine sichere Einnahmequelle für den bayerischen Staat: Große Teile der bayerischen Staatseinnahmen kommen aus dem Weizenbiermonopol.
Zumal da die Wirte im ganzen Land verpflichtet werden Weizenbier auszuschenken, andernfalls würde ihnen die Schankgenehmigung entzogen.
Ab 1602 - Baierwein
Da in Bayern nicht das Bier, sondern der Baierwein das weitaus meistgetrunkene Getränk ist, besteuert Maximilian den Wein und schränkt den Import von Bier ein, um den Verkauf des herzöglichen Weißbiers zu fördern.
Diese Maßnahmen tragen, neben der für den Weinbau abträglichen Kleinen Eiszeit zwischen 1553 bis 1628, maßgeblich zum Aufstieg des Brauwesens in Bayern bei. Dadurch gelingt es Herzog (Kurfürst) Maximilian I., die Schulden seines Vaters zu tilgen.
1643 - Nürnberger Weizenbier
Bald wird Weizenbier auch in anderen deutschen Ländern gebraut. Seit 1643 auch in der Freie Reichsstadt Nürnberg auf Betreiben des Rates.
1798 - Aufhebung des Weizenbier-Monopols
Im 18.Jh. geht der Marktanteil des Weizenbieres stetig zurück, und mit Gesetz von 1798 hebt der bayerische Kurfürst Karl Theodor das Monopol auf.
Zur Zeit der Aufhebung bestehen noch Weiße Brauhäuser in Cham, Grafenau, Kelheim, Regen, Traunstein, Vilshofen und Weilheim.
19. Jahrhundert - Kranken- und Arme-Leibspeise
Im 19.Jh. werden Graupen in Bayern besonders als Kranken- und Arme-Leibspeise bezeichnet, aber auch in der bürgerlichen Küche geschätzt – als „Graupensuppe“, „Kriecherlgraupen“ oder „Grießgrütze“.
1848 - Weizenterminhandel an der CBOT
Die erste strukturierte Warenterminbörse für Weizen ist die Chicago Board of Trade (CBOT) in den USA. Gegründet 1848, liegt ihr Ursprung im Bedarf von Landwirten und Getreidehändlern, sich gegen stark schwankende Weizenpreise abzusichern.
Bereits 1865 führt die CBOT standardisierte Futures-Kontrakte für Weizen ein. Diese enthalten genau definierte Mengen, Qualitäten, Lieferorte und Lieferzeiten.
Das revolutioniert den Handel mit Weizen – Käufer und Verkäufer können nun unabhängig von der physischen Lieferung handeln und Risiken absichern.
1900 - Importgerste
Im Jahr 1900 hat Deutschland einen Bedarf von 4 Mill. t Gerste, dem eine Produktion von 2,8 Mill t gegenüber stehen. Die Differenz wird vor allem aus Mähren und Ungarn importiert.
1928 - Welterntemengen Gerste
Die Welternte 1928 beträgt 36,3 Mill. t, davon in Deutschland 2,8 Mill. t. Im Vergleich dazu werden 2022 weltweit 154.877.140 t Gerste geerntet.
2004 - Transgener Weizen
In den USA wird 2004 ein von Monsanto hergestellter transgener Weizen, der Glyphosatresistenz gegenüber dem Pflanzenschutzmittel Roundup (Glyphosat) vermittelt, zum Anbau zugelassen.
Da ein Auskreuzen von Transgenen aus gentechnisch verändertem Weizen auf verwandte Grasarten möglich ist, verzichtet Monsantomwegen des Widerstands der EU, Japans, Kanadas und anderer Staaten in den folgenden Jahren auf eine Kommerzialisierung.
2008 - Mehltau
In der Schweiz führt die Universität Zürich seit 2008 Feldversuche mit transgenen Weizenlinien durch, die eine höhere Resistenz gegen Mehltau aufweisen.
2009 - Weizenproduktion
Weizen ist für Menschen in vielen Ländern ein Grundnahrungsmittel (Brotgetreide) und hat eine große Bedeutung in der Tiermast. Geschälte und polierte Weizenkörner finden als Graupen in der Küche Verwendung.
• Hartweizen ist besonders für die Herstellung von Teigwaren (Hartweizengrieß) geeignet – wird aber in Deutschland so gut wie nicht angebaut - 2009: 62.000 t, dies entspricht lediglich 0,2 % der gesamten Weizenproduktion.
• Die Sommerweizenproduktion macht in Deutschland im Jahr 2009 mit 0,2 Mio. t lediglich 0,8 % der gesamten Weizenernte aus.
2012 bis 2021 - Erntemengen Gerste
Zwischen 2012 und 2021 liegen die Erntemengen in Deutschland pro Jahr immer zwischen 10 und 12 Millionen Tonnen, mit einer Ausnahme: 2018 werden lediglich 9,6 Millionen Tonnen geerntet.
Wintergerste:
• 1.363.000 ha Anbaufläche, 72,1 dt/ha Hektarerträge, 9.824.000 t Erntemenge
Sommergerste:
• 360.000 ha Anbaufläche, 54,2 dt/ha Hektarerträge, 1.949.000 t Erntemenge
2015 - Pariser Abkommen
Die weltweit produzierte Weizenmenge wird mit jedem weiteren Grad Celsius Temperaturanstieg um 6 % sinken. Selbst im Falle der Erreichung der im Pariser Abkommen anvisierten Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs auf zwei Grad Celsius ergeben sich negative Auswirkungen auf die weltweiten Ernteerträge pro Fläche.
Daraus ergibt sich zwecks Anpassung an die globale Erwärmung die Notwendigkeit eines Umstiegs auf trockenresistentere Weizensorten, etwa durch Züchtung neuer Weizensorten, welche den Ertragsrückgang teilweise, jedoch nicht vollständig dämpfen können.
2018 - Genom des Weichweizens
Das Brotweizengenom umfasst aufgrund seiner langen Hybridisierungsgeschichte ca. 17 Milliarden Basenpaare und ist damit rund fünfmal so lang wie das des Menschen.
2018 wird das Genom des Weichweizens fast komplett entschlüsselt. Weizenzüchter erwarten große Fortschritte bei konventionell und gentechnisch erzeugten Sorten, je genauer die Lage und Funktion der einzelnen Gene bekannt ist.
2019 - Weltgetreideernte
Bei der Weltgetreideernte stellen die verschiedenen Arten des Weizens mit 765,77 Mio. t das am zweithäufigsten angebaute Getreide nach Mais (1,15 Mrd. t) dar.
Die Anbaufläche für Weizen nimmt weltweit 215,9 Millionen Hektar ein.
Der durchschnittliche Ertrag liegt bei 34,2 dt/ha, wohingegen in Deutschland ca. 66,7 dt/ha geerntet werden. Spitzenwerte liegen bei 120 dt/ha.
Diese sind, nach Mais (59,2 dt/ha) und Reis (46,8 dt/ha), die dritthöchsten Kornerträge aller Getreidearten.
Es werden durchschnittlich 2 dt/ha Saatgut ausgebracht.
2024 - Verbot der Sikkation
Ab Ende der 2000er wird vermehrt die Sikkation betrieben. Hierbei wird das Getreide kurz vor der Ernte mit Herbiziden (wie Glyphosat) gespritzt, um die Reife zu beschleunigen.
Eine Anwendung von Glyphosat zur Arbeitserleichterung entspricht aber nicht der guten fachlichen Praxis und wird deshalb ab 2014 eingeschränkt und ist nun seit 2024 gänzlich verboten.
2025 - Anbaufläche für Gerste
Heute liegt die Anbaufläche für Gerste in Deutschland bei ca. 1,7 Mio. ha, mit 10–11 Mio. t Ernte jährlich. Davon sind etwa 65 % Tierfutter, 20 % Malzanbau für Bier und Whisky, und 8 % für industrielle oder energetische Nutzung.
Bayern zählt zu den Hauptanbaugebieten, besonders für Sommergerste, die häufig in der lokalen Brauindustrie Verwendung findet.
Ich gehe spazieren, wie so oft, wenn der Tag noch jung ist und die Luft nach Sommer duftet. Vor mir breitet sich die Landschaft in ihrer vollen Weite aus, weich geschwungen, leicht hügelig, durchzogen von Wegen, Hecken und den sanften Linien der Felder. Und dann geschieht etwas, das mich jedes Mal aufs Neue tief berührt: Das goldene Licht der Morgensonne fällt über die Felder – und die Gerste beginnt zu tanzen.
Goldgelb steht sie da, reif und weich geneigt, mit langen Grannen, die im Wind schimmern wie feine Haare. Die Halme wiegen sich wie Wellen in einem Meer aus Korn. Sie strömen nicht, sie rauschen nicht – sie atmen. Ein leises, lebendiges Pulsieren geht durch das Feld, als spräche es in einer Sprache, die älter ist als jedes Wort. Nebenan hebt sich der Weizen, noch nicht ganz reif, in einem tiefen, beruhigenden Blaugrün. Er wirkt stiller, ernster fast – wie der Ältere unter Geschwistern. Seine Ähren recken sich ruhiger, doch auch sie lassen sich vom Wind führen, beugen sich kurz und richten sich wieder auf, als wollten sie dem Himmel danken.
Ich bleibe stehen. Sehe hinaus auf diese wogenden Felder, die in der frühen Sonne glänzen wie Stoffe aus Licht. Es sind Meere – Meere aus Korn. Und doch viel mehr als das: Es ist Nahrung. Leben. Geschichte. In Bayern sagt man, das Bier sei „flüssiges Brot“. Und so schwingt in jeder Gerste nicht nur der Hunger, sondern auch das Brauchtum, das Lachen, das Zusammensein. Man trinkt sie in Maßkrügen und feiert sie in Liedern. Ich frage mich: Wird die Gerste von hier, von diesen Feldern rund um Dorfen, heute noch fürs Brauen verwendet? Seit die alte Bachmayer'sche Brauerei ihre Tore geschlossen hat, ist es stiller geworden in der Stadt, zumindest was das Brauen betrifft. Ob die Felder nun für andere Zwecke bestellt werden?
Früher wuchs hier mehr Vielfalt. Da gab es neben Gerste und Weizen auch noch Einkorn, Emmer und Hafer – alte Getreide, klein, genügsam, mit viel Charakter. Ihre Namen klingen wie aus einer anderen Zeit, beinahe poetisch: Emmer – das Urkorn mit dem nussigen Geschmack. Einkorn – das Korn der Frühbauern. Hafer – der Liebling der Pferde und der Morgenmüsli. Sie sind verschwunden. Verdrängt. Nicht mehr wirtschaftlich, heißt es. Ich aber vermisse sie, so wie man alte Freunde vermisst, die einfach nicht mehr vorbeikommen.
Und stattdessen? Stattdessen wächst der Mais. Immer mehr Mais. Hoch und dicht steht er, fast schon fremd in dieser alten Landschaft. Und doch ist er nicht mehr wegzudenken. Er hat seine Aufgabe. Energiemais. In manchen Jahren macht er bis zu 80 % der Substrate aus, die in den Biogasanlagen rund um Dorfen verarbeitet werden. Im Sommer wird er geerntet, siliert und dann – ganzpflanzlich – in dunklen Fermentern vergoren. Methan entsteht, das in Blockheizkraftwerken zu Strom und Wärme wird. Es riecht dann manchmal leicht säuerlich, wenn man nahe an den Anlagen vorbeigeht, und ich weiß: Das ist Energie aus Pflanzenkraft.
Ich denke an die Anlage der Familie Greimel bei Nicklhub, nicht weit von Schirmading. Ein einfacher Hof mit moderner Technik. Dort wird Tag für Tag Strom erzeugt – bis zu 1,8 Megawatt. Ein großer Teil davon fließt in das Netz, das Dorfen mit Licht und Wärme versorgt. Es ist ein neuer Rhythmus, eine neue Form des Erntens – nicht für den Teller oder das Fass, sondern für die Steckdose.
Und während ich so weitergehe, zwischen Kornmeer und Maiswald, zwischen Geschichte und Zukunft, fühle ich etwas Eigenartiges: Es ist keine Traurigkeit und kein Stolz. Es ist eher ein stilles Staunen – über die Kraft dieser Erde, über den Wandel und über das, was bleibt. Die Felder erzählen. Und ich höre zu.
Ein Halm, der Geschichte trägt
Wenn ich an einem späten Frühsommertag durch die Felder um Dorfen wandere, bleibe ich gerne bei einem bestimmten Acker stehen. Es ist ein stiller Ort, etwas abseits der Straße, dort, wo die sanften Hügel beginnen und die alten Wege sich zwischen Wiesen und Hecken verlieren. Hier wächst die Gerste – schlank, aufrecht, unbehaart, mit glänzenden Halmen, die sich im Wind neigen, als wollten sie mir ein altes Lied zuflüstern.
Die Gerste ist kein auffälliges Getreide. Sie ist nicht mächtig wie der Mais, nicht stolz wie der Weizen. Und doch geht eine stille Würde von ihr aus, eine Bodenständigkeit, die mir tief vertraut ist. Sie gehört hierher, so wie die alten Höfe und die sanft geschwungenen Wege. Ihre schlanken Ähren ragen bis zu einem Meter hoch in den Himmel, gekrönt von langen Grannen, die im Sonnenlicht wie Silberfäden leuchten. Ich betrachte sie und erinnere mich.
Es ist über 300 Jahre her, als Dorfen zu einem Ort der Hoffnung und des Glaubens wurde. Im Jahr 1707 wird die wundertätige Kraft des Gnadenbilds bestätigt, das in der kleinen Kirche verehrt wird. Und plötzlich strömen sie herbei – die Pilger. Zehntausende. Hunderttausend und mehr. Jahr für Jahr kommen sie mit Bitten und Danksagungen, mit offenen Herzen und müden Füßen. Sie wollen beten. Aber sie wollen auch essen, trinken und schlafen. Und so wächst die Stadt. Fast zwei Dutzend Wirtshäuser entstehen, und sechs Brauereien füllen die Fässer. Es duftet nach Gerstensaft und Brot, nach Suppen, Grütze und Festlichkeit. Die Gerste ist da, im Bier, im Brei, auf dem Tisch – unscheinbar und doch unersetzlich.
Heute ist es stiller geworden. Die alte Bachmayer’sche Brauerei hat ihre Tore geschlossen, und ich frage mich: Wird hier, auf diesen Feldern, überhaupt noch Braugerste angebaut? Oder geht sie direkt in den Futtertrog, in die Fermenter, oder vielleicht gar ins Ausland? Die Gerste ist genügsam. Sie gedeiht hier, wo das Klima sommers kühl bleibt, auf den fruchtbaren, neutralen Lehmböden mit guter Wasserführung. Sie trotzt dem Frost, hält Trockenheit aus und wächst sogar hoch oben in den Bergen, bis über 1500 Meter, manchmal sogar bis 2000, wenn der Hang ihr wohlgesinnt ist.
Doch nicht jede Gerste ist gleich. Die zweizeilige Sommergerste, die im Frühjahr gesät wird, ist besonders beliebt, wenn es um Malz und Braukunst geht. Sie enthält viel Stärke, wenig Protein – ideal, damit das Bier klar bleibt und nicht trüb wird. Und selbst wenn sie nicht im Braukessel landet, so wird sie doch verwendet: als Grütze, als Graupen, als Mehl. Manchmal sogar in Form von Brot, das aus Gerstenmehl gebacken wird – mit sanftem Geschmack und dem festen Biss eines alten Lebensmittels.
Ich gehe weiter am Feld entlang, beuge mich über die Halme und sehe, wie sie aus den Bestockungstrieben Ähren bilden. Die Pflanze lebt in Zyklen, geprägt vom Rhythmus des Jahres. Die Wintergerste, schon im September gesät, nutzt die Feuchtigkeit der kalten Monate. Sie bringt mehr Ertrag, wenn der Winter nicht zu streng ist. Unter minus 15 Grad erfriert sie – ein stilles, empfindsames Wesen, das Kraft aus der Kühle zieht, aber keine Grausamkeit verträgt.
Im Sommer beginnt die Ernte meist mit ihr – mit der Wintergerste. Sie liefert bis zu 90 Dezitonnen pro Hektar, mehr als ihre sommers gesäte Schwester. Und doch hat jede ihren Wert, ihren Platz. Die eine fürs Brauen, die andere fürs Füttern. Die Körner sitzen fest in den Spelzen und müssen entschält werden, ehe sie in die Küche gelangen. Und wer Grütze kennt, der weiß, dass sie nicht nur sättigt, sondern wärmt – von innen heraus, wie ein leiser Trost.
Ich streife weiter durch das hohe, helle Gras. Im Licht schimmern die Körner, und ich weiß: In ihnen steckt mehr als Nahrung. Beta-Glucan, ein löslicher Ballaststoff, der das Herz schützt – nicht wie beim Hafer in der Hülle, sondern verborgen im hellen Kern. Aber auch Gluten – nicht für alle verträglich, doch seit Jahrtausenden in der Nahrung der Menschen. Und immer bleibt sie nah – die Gerste. Ob als Korn, Flocke oder Brot, ob im Kochtopf oder im Krug, ob als einfache Suppe oder als edler Sud.
Selbst das Stroh spricht. Weicher als das des Weizens, saugfähiger vielleicht, aber nicht immer geeignet als Einstreu. Denn die Grannen, diese feinen Borsten, können reizen, können in den Atemwegen der Tiere kitzeln oder gar stören. Doch auch das ist Teil ihres Wesens – zart und wehrhaft zugleich.
Ich bleibe stehen, sehe zurück auf das Feld. Vielleicht wächst sie auch heute noch für das Bier, vielleicht für Brot oder Tierfutter – ich weiß es nicht genau. Aber ich weiß: Die Gerste ist Teil dieser Landschaft. Und Teil unserer Geschichte. Wie ein stiller, ernster Begleiter, der nicht prahlt, aber bleibt. Ein Halm, der Geschichte trägt. Ein Korn, das Heimat bedeutet. Ein Feld, das mehr erzählt, als man auf den ersten Blick vermutet.
Das helle Brot der Felder
Wenn ich am frühen Morgen durch die Felder östlich von Dorfen spaziere, öffnet sich vor mir ein weites, stilles Bild: Die Weizenfelder. Weich und blaugrün steht das Korn im Licht der ersten Sonne, feiner Tau glänzt auf den Halmen. Ein Windhauch streift über das Land, und wie in Zeitlupe beginnen die Ähren zu tanzen – ein leises, flüsterndes Wogen, das mich für einen Moment innehalten lässt. Hier ist kein Lärm, kein Hast, nur das rauschende Gespräch der Gräser, das uralte Lied des Feldes.
Der Weizen – hell und fein – wird nicht umsonst das „weiße Getreide“ genannt. Sein Name stammt vom lateinischen „tritum“, das „gedroschen“ oder „gerieben“ bedeutet, und vom althochdeutschen „wīz“, was „weiß“ meint – wegen des hellen Mehls, das aus ihm gewonnen wird. Und wenn ich über die Felder blicke, sehe ich nicht nur Pflanzen, sondern eine jahrtausendealte Kultur. Der Weizen ist ein Teil von allem. Er ist Brot, Leben, Symbol. Er nährt die Welt. Zusammen mit Reis und Mais ist er eine der tragenden Säulen der Menschheit – und auch hier in Dorfen ist er bis heute nicht wegzudenken.
Ich blicke auf die schlanken Halme, die sich sanft neigen, wenn ich an ihnen vorbeigehe. Sie erreichen Höhen zwischen 40 und 160 Zentimetern, bilden feine Büschel, und an ihrem Ende tragen sie das Versprechen: eine Ähre, sechs bis achtzehn Zentimeter lang, prall gefüllt mit Körnern. Sie sind botanisch „Karyopsen“, einsamige Schließfrüchte – ein nüchterner Name für etwas so Kostbares. Etwa 40 bis 65 Gramm bringt ein Tausendkorn auf die Waage. Und in jedem einzelnen Korn steckt das ganze Feld, die ganze Jahreszeit, das ganze Werden und Wachsen.
Hier in Dorfen gedeiht vor allem der Winterweizen, der auf über 90 % der deutschen Weizenflächen wächst. Er wird ab Ende September gesät, manchmal auch noch im Dezember, je nach Wetter und Lage. Anders als die Gerste ist der Weizen kein Dunkelkeimer – er keimt lichtneutral. Bei feuchtwarmen Böden zeigt er sich schon nach zwei, drei Wochen über der Erde, beginnt seine Bestockung, überdauert den Winter und schießt im Frühjahr empor. In dieser Zeit wächst in jeder Pflanze eine Ähre heran – sie schiebt sich später aus dem Halm heraus, und nach der Blüte bildet sich das Korn. Zwei bis drei solcher Halme trägt jede Pflanze, je nach Pflege, Sorte und Glück. Und in jeder Ähre sitzen bis zu 40 Körner – golden, voll, bereit.
Der Weizen liebt den Sommer, braucht gute Böden und verlässliche Feuchtigkeit – und doch kommt er auch mit Kälte zurecht. Temperaturen bis −20 °C übersteht er, wenn er stark genug ist. Und was ihm fehlt, muss man ihm geben: Stickstoff, in mehreren Gaben, gleichmäßig verteilt. Er will gepflegt werden – nicht aus Gier, sondern aus Natur. Wer ihn versteht, erntet reich.
Auch die Sommerweizensorten, die früh im Jahr gesät werden, sind hier zu finden – seltener zwar, doch mit besonderen Qualitäten. Ihre Körner sind glasig und eiweißreich, gut für Gebäck, Waffeln, Kekse. Es gibt sogar Wechselweizen – ein Sommerweizen, der schon im Spätherbst gesät werden kann. Doch all diese Sorten bleiben ein leiser Klang neben dem Hauptton: dem Winterweizen.
In Dorfen steht der Weizen aber nicht nur für Ertrag und Nahrung. Er steht für das Brot, das jeden Tag in den Backöfen aufgeht – in den Bäckereien der Stadt, in den Stuben der Bauern, auf den Tischen der Familien. Die Sorten, die hier wachsen, werden vom Bundessortenamt nach Backqualität eingeteilt: von der E-Gruppe, dem Eliteweizen mit höchstem Volumen, bis zur C-Gruppe, die eher als Futtergetreide dient. Und dazwischen: Brotweizen, Qualitätsweizen, Weizen mit besonderen Eigenschaften. Ich denke an die Hand des Bäckers, der genau weiß, was er aus welchem Mehl macht. An das Kind, das sich auf die erste Scheibe freut. An den alten Mann, der sein Krustenbrot mit einem Lächeln schneidet.
Und auch Dinkel, Emmer, Einkorn – alte Weizenarten, heute kaum noch wirtschaftlich, doch voller Aroma und Geschichte – haben hier ihre Spuren hinterlassen. Der Grünkern, mineralreich und duftend, wird in manchen Küchen wieder geschätzt. Und der Hartweizen? Er kommt kaum vor in Dorfen, eher im Süden Europas. Doch ich stelle mir vor, wie er einst in Körben lag, goldgelb, bereit für die Pasta der Zukunft.
Wenn die Ernte im Hochsommer beginnt, summen die Mähdrescher über die Felder. Das Korn wird geerntet, das Stroh bleibt gehäckselt liegen oder wird zu Ballen gepresst – für die Ställe, für die Wärme, für die Tiere. Und im Korn selbst: Stärke, Eiweiß, Fett, Wasser. Ausgewogen, klar, nahrhaft. Und tief im Inneren, in den Keimen, ruht das Öl – goldfarben, vitaminreich. Weizenkeimöl, voller Vitamin E, mit einem Hauch von Tocotrienolen – fein, aber empfindlich, lichtscheu, wie das Korn selbst.
Manchmal denke ich, wenn ich durch das Weizenfeld gehe, dass dieser Ort mehr ist als Landwirtschaft. Er ist ein Gedächtnisfeld. Ein Spiegel dessen, was hier war und was noch kommen wird. Das Korn erinnert sich. Es trägt die Wärme des Sommers, das Zittern des Frühlings, das leise Pochen des Winters und die dunkle Erde des Herbstes in sich. Und wenn es reif ist, wenn es goldgelb in der Sonne steht und der Wind es neigt – dann weiß ich: Hier lebt etwas Fortdauerndes, etwas, das mich überdauert, etwas, das bleibt.
Der Weizen ist kein Wunder. Aber er ist ein Geschenk. Und in Dorfen, zwischen den Feldern, den Hügeln und den Höfen, wächst er – jedes Jahr neu, jedes Jahr vertraut, jedes Jahr ein wenig anders. Und jedes Jahr mit der stillen Hoffnung, dass wir ihn erkennen, ehren und mit Bedacht ernten. So wie es unsere Vorfahren taten – und wie es vielleicht auch unsere Kinder einmal tun werden.
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10.500 v. Chr. - Wilde Gerste
Ursprungsgebiete der Gerste, die eng verwandt mit der im Nahen Osten vorkommenden Wildgerste ist, sind der Vordere Orient und der östliche Balkan.
Die ältesten Nachweise von Gerstenutzung lassen sich bis 10.500 v.Chr. zurückdatieren.
8.000 v. Chr. - Kulturgerste
Bei Wildgerste fallen die reifen Körner aus der Ähre und müssen mühsam aufgesammelt werden. Menschen ernten und pflegen vor rund 10.000 Jahren im Gebiet des Fruchtbaren Halbmondes bevorzugt Mutationen, bei der die reifen Körner in der Ähre bleiben. Die Kulturgerste entsteht somit nicht durch eine gezielte Auslese.
In vielen Gebieten ist die Gerste über Jahrtausende ein wichtiges Grundnahrungsmittel in Form von Brei oder Suppe; Gerste, Einkorn und Emmer sind die ersten vom Menschen gezielt angebauten Getreidearten.
Ab 7.800 v. Chr. - Nacktweizen
Die ältesten Nacktweizenfunde stammen aus der Zeit zwischen 7800 und 5200 v.Chr. Damit ist Weizen nach der Gerste die zweitälteste Getreideart.
Die ältesten Funde von Nacktweizen in Europa stammen aus dem westmediterranen Raum, dem Siedlungsbereich der Cardial- oder Impressokultur des 7.Jt. v.Chr.
Ab 7.000 v. Chr. - Zuchtauswahl der Gerste
Ab etwa 7000 v. Chr. beginnt die systematische Zuchtauswahl und wird als klassisches Getreide der Antike in Mesopotamien und am Nil angebaut.
Ab 5.700 v. Chr. - Einkorn und Emmer
Einkorn und Emmer gehören zu den wichtigsten Kulturpflanzen der Linearbandkeramik zwischen 5700 und 4100 v.Chr., einer neolithischen Kultur mit Ackerbau und Viehhaltung in Mitteleuropa.
Die Kultur mit ihren dörflichen Siedlungen nutzt zunächst die tief liegenden Lößflächen für den Feldbau. Angebaut werden neben Einkorn noch Emmer, Dinkel, Lein und die Hülsenfrüchte Linse und Erbse, im Schwendbau.
Reste von Einkorn werden u.a. auch bei der Gletschermumie „Ötzi“ in den Alpen gefunden.
Ab 5.500 v. Chr. - Gerste in Mitteleuropa
Die Kulturgerste wird seit der Jungsteinzeit auch in Mitteleuropa angebaut.
Ab 3.200 v. Chr. - Vergorener Getreidetrunk
Die Sumerer, eines der ersten Hochvölker Mesopotamiens, brauen aus gekeimter und getrockneter Gerste einen vergorenen Getreidetrunk, der bereits große Ähnlichkeiten mit einfachem Bier hat.
In Keilschrifttexten aus Uruk (ca. 3.200 v.Chr.) finden sich Hinweise auf Bierrezepte und Bierrationen für Arbeiter.
Auch das Gilgamesch-Epos erwähnt das Biertrinken als Zeichen der Zivilisation.
Ab 2.800 - Nacktweizen und Gerste
Im Endneolithikum in Süd- und Mitteldeutschland, am Übergang zur Bronzezeit mit Beginn der Schnurkeramik von ca. 2800–2200 v. Chr., ist der Nacktweizen nach zeitweiliger Ausbreitung über Mitteleuropa auf eine Region beiderseits des Oberrheins und der Schweiz reduziert. Doch lange bleibt der Anbau hinter dem der Getreidearten Einkorn, Emmer und Gerste zurück.
Ab 2.200 v. Chr. - Grütze
Die Grütze ist ein uraltes Grundnahrungsmittel. Man verwendet sie als Brei, Suppe oder Brezensatz. Besonders in der Bronze- und Eisenzeit (ca. 2.200–500 v. Chr.) ist Grütze in Mitteleuropa weit verbreitet.
Die Urgetreidearten Emmer, Einkorn und Gerste werden auf einfachste Weise verarbeitet – durch Quetschen, Stampfen oder grobes Zermahlen –, wobei Grützen entstehen: grobkörnige Stücke, die in Wasser gekocht werden.
Ab 6. Jahrhundert v. Chr. - Getreidegetränke der Kelten
In Bayern beginnt die Geschichte des Bierbrauens mit Gerste lange vor der Römerzeit. Schon die keltischen Stämme, die ab dem 6.Jh. v.Chr. in Bayern siedeln, stellen gärende Getreidegetränke her – vor allem aus Gerste und Emmer.
410 v. Chr. - Ptisane des Hippokrates
„Gerstenwasser“, eine Grütze aus gekochten Gerstengraupen oder deren Absud, wird von Hippokrates wegen ihrer schleimigen Beschaffenheit und guten Verdaulichkeit als Nähr- und Heilmittel therapeutisch eingesetzt.
Ab 400 v. Chr. - Graupen
Graupen, also polierte oder „geperlte“ Getreidekörner, meist aus Gerste, benötigen fortgeschrittene Mahltechniken, wie sie ab der späten Eisenzeit (La-Tène-Zeit, ca. 400 v. Chr.) bekannt sind.
15 v. Chr. bis 400 n. Chr. - Bajuwaren bevorzugen Getreidebieren
In der römischen Provinz Raetien, zu der ein Teil des heutigen Bayern gehört, ist zwar Wein beliebter, doch die lokale Bevölkerung hält an ihren Getreidebieren fest.
Nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches übernehmen die Bajuwaren, die Brautradition und setzen weiterhin auf Gerste.
Ab 500 - Grütze und Graupen
Im Mittelalter bleiben Grütze und Graupen alltägliche Speisen, besonders für die Landbevölkerung und Klöster. Sie gelten als nahrhaft, lange haltbar und günstig.
Gerstengraupen, Dinkelgrütze oder Hafergrütze kommen in Suppen, Breien oder Würsten und als Viehfutter zum Einsatz. In Fastenzeiten ersetzen sie Fleisch.
Ab 700 - Klosterbrauereien
Der große Aufschwung der Gerstenbierkultur beginnt mit den christlichen Klöstern im Frühmittelalter. Ab dem 8.Jh. entstehen überall in Bayern Klosterbrauereien – etwa in Tegernsee, Weihenstephan oder Aldersbach.
Die Mönche verfeinern die Kunst des Mälzens, entwickeln spezielle Brauverfahren und setzen auf Sommergerste, die gut lagerfähig und kräftig im Geschmack ist.
Ab 1000 - Weißbrot
Erst durch das Weißbrot, das ab dem 11.Jh. in Mode kommt, etabliert sich der Weizen. Heute ist Weizen in Deutschland die am häufigsten angebaute Getreideart und nimmt den größten Anteil der Getreideanbauflächen ein.
16. Jahrhundert - Verbote des Weizenbieres
Das Brauen von Weizenbier wird in Bayern im 16.Jh. des Öfteren verboten, da sich nicht alle an das ursprüngliche Verbot halten, und die Degenberger müssen sich das Privileg in dieser Zeit mehrfach bestätigen lassen.
1516 - Bayerisches Reinheitsgebot
Ein Höhepunkt ist das bayerische Reinheitsgebot von 1516, erlassen von Herzog Wilhelm IV. in Ingolstadt. Es schreibt vor, dass Bier nur aus Gerste, Hopfen und Wasser gebraut werden darf. Der Grund: Weizen soll dem Brotbacken vorbehalten bleiben, Roggen ist zu kostbar – Gerste ist die ideale Braugerste, weil sie wenig Gluten hat, gut keimt und beim Mälzen süß wird.
Von da an prägt die Gerste das bayerische Bier: Ob Helles, Dunkles oder Bock – der Geschmack und die Braukunst hängen eng mit dieser Getreideart zusammen.
Auch heute noch stammt der Großteil der Braugerste in Bayern aus heimischem Anbau, vor allem aus der Hallertau, Oberfranken und Niederbayern.
1548 - Weizenbier der Freiherrn von Degenberg
1548 erhält der Freiherr von Degenberg das Privileg zugesprochen, nördlich der Donau Weizenbier zu sieden. Im übrigen Bayern ist das Brauen von Weizenbier zu dieser Zeit verboten (Reinheitsgebot).
Zum einen soll Weizen für die Ernährung der Bevölkerung gesichert werden, zum anderen kann der bayerische Herzog Wilhelm IV. so die Degenberger näher an sich binden.
Der Freiherr von Degenberg muss als Gegenleistung für das Privileg jährliche Zahlungen leisten.
Ab 1602 - Weiße Brauhäuser
Als 1602 das Geschlecht der Grafen von Degenberg im Mannesstamm ausstirbt, fällt das Privileg zum Weizenbierbrauen an den bayerischen Herzog Maximilian I. zurück.
Er tritt das degenbergische Erbe zügig an, übernimmt deren „Weiße Brauhäuser“ und gründet selbst neue, 1607 das erste und älteste noch bestehende in Kelheim.
Das Weizenbiermonopol, auch Weizenbierprivileg oder Weizenbierregal genannt, ist somit eine sichere Einnahmequelle für den bayerischen Staat: Große Teile der bayerischen Staatseinnahmen kommen aus dem Weizenbiermonopol.
Zumal da die Wirte im ganzen Land verpflichtet werden Weizenbier auszuschenken, andernfalls würde ihnen die Schankgenehmigung entzogen.
Ab 1602 - Baierwein
Da in Bayern nicht das Bier, sondern der Baierwein das weitaus meistgetrunkene Getränk ist, besteuert Maximilian den Wein und schränkt den Import von Bier ein, um den Verkauf des herzöglichen Weißbiers zu fördern.
Diese Maßnahmen tragen, neben der für den Weinbau abträglichen Kleinen Eiszeit zwischen 1553 bis 1628, maßgeblich zum Aufstieg des Brauwesens in Bayern bei. Dadurch gelingt es Herzog (Kurfürst) Maximilian I., die Schulden seines Vaters zu tilgen.
1643 - Nürnberger Weizenbier
Bald wird Weizenbier auch in anderen deutschen Ländern gebraut. Seit 1643 auch in der Freie Reichsstadt Nürnberg auf Betreiben des Rates.
1798 - Aufhebung des Weizenbier-Monopols
Im 18.Jh. geht der Marktanteil des Weizenbieres stetig zurück, und mit Gesetz von 1798 hebt der bayerische Kurfürst Karl Theodor das Monopol auf.
Zur Zeit der Aufhebung bestehen noch Weiße Brauhäuser in Cham, Grafenau, Kelheim, Regen, Traunstein, Vilshofen und Weilheim.
19. Jahrhundert - Kranken- und Arme-Leibspeise
Im 19.Jh. werden Graupen in Bayern besonders als Kranken- und Arme-Leibspeise bezeichnet, aber auch in der bürgerlichen Küche geschätzt – als „Graupensuppe“, „Kriecherlgraupen“ oder „Grießgrütze“.
1848 - Weizenterminhandel an der CBOT
Die erste strukturierte Warenterminbörse für Weizen ist die Chicago Board of Trade (CBOT) in den USA. Gegründet 1848, liegt ihr Ursprung im Bedarf von Landwirten und Getreidehändlern, sich gegen stark schwankende Weizenpreise abzusichern.
Bereits 1865 führt die CBOT standardisierte Futures-Kontrakte für Weizen ein. Diese enthalten genau definierte Mengen, Qualitäten, Lieferorte und Lieferzeiten.
Das revolutioniert den Handel mit Weizen – Käufer und Verkäufer können nun unabhängig von der physischen Lieferung handeln und Risiken absichern.
1900 - Importgerste
Im Jahr 1900 hat Deutschland einen Bedarf von 4 Mill. t Gerste, dem eine Produktion von 2,8 Mill t gegenüber stehen. Die Differenz wird vor allem aus Mähren und Ungarn importiert.
1928 - Welterntemengen Gerste
Die Welternte 1928 beträgt 36,3 Mill. t, davon in Deutschland 2,8 Mill. t. Im Vergleich dazu werden 2022 weltweit 154.877.140 t Gerste geerntet.
2004 - Transgener Weizen
In den USA wird 2004 ein von Monsanto hergestellter transgener Weizen, der Glyphosatresistenz gegenüber dem Pflanzenschutzmittel Roundup (Glyphosat) vermittelt, zum Anbau zugelassen.
Da ein Auskreuzen von Transgenen aus gentechnisch verändertem Weizen auf verwandte Grasarten möglich ist, verzichtet Monsantomwegen des Widerstands der EU, Japans, Kanadas und anderer Staaten in den folgenden Jahren auf eine Kommerzialisierung.
2008 - Mehltau
In der Schweiz führt die Universität Zürich seit 2008 Feldversuche mit transgenen Weizenlinien durch, die eine höhere Resistenz gegen Mehltau aufweisen.
2009 - Weizenproduktion
Weizen ist für Menschen in vielen Ländern ein Grundnahrungsmittel (Brotgetreide) und hat eine große Bedeutung in der Tiermast. Geschälte und polierte Weizenkörner finden als Graupen in der Küche Verwendung.
• Hartweizen ist besonders für die Herstellung von Teigwaren (Hartweizengrieß) geeignet – wird aber in Deutschland so gut wie nicht angebaut - 2009: 62.000 t, dies entspricht lediglich 0,2 % der gesamten Weizenproduktion.
• Die Sommerweizenproduktion macht in Deutschland im Jahr 2009 mit 0,2 Mio. t lediglich 0,8 % der gesamten Weizenernte aus.
2012 bis 2021 - Erntemengen Gerste
Zwischen 2012 und 2021 liegen die Erntemengen in Deutschland pro Jahr immer zwischen 10 und 12 Millionen Tonnen, mit einer Ausnahme: 2018 werden lediglich 9,6 Millionen Tonnen geerntet.
Wintergerste:
• 1.363.000 ha Anbaufläche, 72,1 dt/ha Hektarerträge, 9.824.000 t Erntemenge
Sommergerste:
• 360.000 ha Anbaufläche, 54,2 dt/ha Hektarerträge, 1.949.000 t Erntemenge
2015 - Pariser Abkommen
Die weltweit produzierte Weizenmenge wird mit jedem weiteren Grad Celsius Temperaturanstieg um 6 % sinken. Selbst im Falle der Erreichung der im Pariser Abkommen anvisierten Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs auf zwei Grad Celsius ergeben sich negative Auswirkungen auf die weltweiten Ernteerträge pro Fläche.
Daraus ergibt sich zwecks Anpassung an die globale Erwärmung die Notwendigkeit eines Umstiegs auf trockenresistentere Weizensorten, etwa durch Züchtung neuer Weizensorten, welche den Ertragsrückgang teilweise, jedoch nicht vollständig dämpfen können.
2018 - Genom des Weichweizens
Das Brotweizengenom umfasst aufgrund seiner langen Hybridisierungsgeschichte ca. 17 Milliarden Basenpaare und ist damit rund fünfmal so lang wie das des Menschen.
2018 wird das Genom des Weichweizens fast komplett entschlüsselt. Weizenzüchter erwarten große Fortschritte bei konventionell und gentechnisch erzeugten Sorten, je genauer die Lage und Funktion der einzelnen Gene bekannt ist.
2019 - Weltgetreideernte
Bei der Weltgetreideernte stellen die verschiedenen Arten des Weizens mit 765,77 Mio. t das am zweithäufigsten angebaute Getreide nach Mais (1,15 Mrd. t) dar.
Die Anbaufläche für Weizen nimmt weltweit 215,9 Millionen Hektar ein.
Der durchschnittliche Ertrag liegt bei 34,2 dt/ha, wohingegen in Deutschland ca. 66,7 dt/ha geerntet werden. Spitzenwerte liegen bei 120 dt/ha.
Diese sind, nach Mais (59,2 dt/ha) und Reis (46,8 dt/ha), die dritthöchsten Kornerträge aller Getreidearten.
Es werden durchschnittlich 2 dt/ha Saatgut ausgebracht.
2024 - Verbot der Sikkation
Ab Ende der 2000er wird vermehrt die Sikkation betrieben. Hierbei wird das Getreide kurz vor der Ernte mit Herbiziden (wie Glyphosat) gespritzt, um die Reife zu beschleunigen.
Eine Anwendung von Glyphosat zur Arbeitserleichterung entspricht aber nicht der guten fachlichen Praxis und wird deshalb ab 2014 eingeschränkt und ist nun seit 2024 gänzlich verboten.
2025 - Anbaufläche für Gerste
Heute liegt die Anbaufläche für Gerste in Deutschland bei ca. 1,7 Mio. ha, mit 10–11 Mio. t Ernte jährlich. Davon sind etwa 65 % Tierfutter, 20 % Malzanbau für Bier und Whisky, und 8 % für industrielle oder energetische Nutzung.
Bayern zählt zu den Hauptanbaugebieten, besonders für Sommergerste, die häufig in der lokalen Brauindustrie Verwendung findet.
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