Donnerstag, 10. April 2025

Täglich grüßt mein Dufthaufen

📖 Lesezeit: ca. 10 Minuten
Jeden Morgen, wenn die Welt noch ein wenig schläfrig wirkt und der erste Tee gerade durch meine Adern kriecht, beginnt ein kleines, verlässliches Ritual – ein stilles Kapitel meines Alltags, das weder Ruhm noch Rampenlicht sucht, und doch in seiner Konstanz fast rührend ist.

Ich – ein 66-jähriger Mann von etwa 70 Kilogramm Lebendgewicht – begebe mich, meist nach kurzer innerer Zwiesprache, auf den vertrauten Weg: Ich geh dann mal groß aufs Klo.

Ein poetisches Nichts kündigt sich an – der flüchtige Schatten eines Drückgefühls, das zwischen Magentee und Tablet langsam Form annimmt. Es ist kein dramatischer Akt, eher eine leise Verbeugung vor der Biologie. Und doch: Aus meinem Darm, diesem stillen, geduldigen Arbeiter im Innern meines Körpers, entweicht – Tag für Tag – ein kleines Stück Endlichkeit. Im Schnitt etwa 150 Gramm. Mal mehr, mal weniger. Mal fest, mal fragwürdig.

In all den Jahren meines Lebens türmt sich mein Beitrag zur stofflichen Welt bereits auf stattliche 3,6 Tonnen – eine Masse, die mir Respekt abringt. Sie ist Ausdruck gelebter Mahlzeiten, durchlebter Tage, vergangener Gedanken. Ich blicke also nicht ohne Stolz auf dieses braune Archiv zurück – das, was übrig bleibt, wenn der Rest längst verwertet ist.

Die Sprache, oh, sie ziert sich. „Scheißen“ – zu grob, zu plump. „Koten“ – korrekt, aber fremd wie ein medizinischer Beipackzettel. So bleibt mir nur mein eigener Weg: Ich rede zu anderen in Umschreibungen, aber zu mir selbst in aller Deutlichkeit. Ich sage: „Jetzt ist’s wieder so weit – ich muss scheißen.“

Ein Wort, das trennt, was im Inneren nicht mehr gebraucht wird. Spalten, trennen, absondern – wie die indogermanische Wurzel skei- es vorschlägt. Es passt. Es passt sogar verdammt gut.

Nicht jeder Tag verläuft reibungslos. Manchmal, wenn der Wind aus dem Darm ein bisschen zu viel Vertrauen verlangt, kommt es zu dem, was ich "Das braune Entsetzen" nenne – ein Missverständnis zwischen Hoffnung und Realität, das sich in der Wäsche niederschlägt. Auch das gehört dazu. Das Leben ist eben nicht immer klinisch sauber, sondern voller kleiner Rückstände, die Spuren hinterlassen.

Und so sitze ich – heute, wie gestern, wie morgen – auf meinem Porzellan, König meines stillen Reichs, im Zeichen der Verdauung, und lasse los. Nicht nur Stoff, sondern auch Zeit, Gedanken, Gewicht.

Ein Mann, ein Klo, ein Dufthaufen.

Kapitel 1: Der stille Gang zur Kloschüssel
Es ist ein ganz gewöhnlicher, fast schon vertrauter Moment in meinem Alltag. Der Tag hat gerade begonnen, der Tee zieht sanft seine Bahnen in meinen Körper, als sich in meinem Inneren ein kleines, aber bestimmendes Gefühl regt. „Ich geh dann mal groß aufs Klo“, sage ich zu mir selbst, und auf diesem vertrauten Weg komme ich einer der natürlichen Handlungen des Lebens nach – der Defäkation.

Im Rahmen jener stillen, hingebungsvollen Sauberkeitserziehung, wie sie nur eine Mutter leisten kann, lernte ich als Kleinkind langsam, die Kontrolle über meinen Defäkationsreflex zu erlangen. Es war ein Prozess – liebevoll begleitet, geduldig getragen.
Meine Mutter erzählte mir später mit einem Schmunzeln, dass das Nachbarmädchen viel früher verstand, wann es Zeit war, den eigenen Dufthaufen nicht mehr der Windel anzuvertrauen. Ich hingegen brauchte länger, viel länger, um mich nachts von solchen Rückfällen zu befreien. In ihren Worten klang es manchmal, als hätte ich es sogar genossen, mich in meinem eigenen kleinen Dufthaufen zu wälzen – als wäre er ein vertrauter, duftender Begleiter meiner frühen Träume.

Nun, heute, gehe ich also wieder hin. Ich spüre die sanften, unaufhörlichen Bewegungen im Darm. Mein Körper tut das, was er gelernt hat – mit Muskelkraft vermische ich meinen Kot durch die peristaltischen Bewegungen und transportiere ihn weiter, bis er in meinem Mastdarm verweilt. Die Dehnung der Wände des Enddarms sendet das Signal an mein Gehirn, ein leises, aber drängendes „Es ist Zeit.“ Es beginnt in mir, dieser Drang nach Befreiung, nach Entleerung, nach einem Moment, in dem alles, was nicht mehr gebraucht wird, den Weg nach draußen findet.

Der Schließmuskel, dieser stille Wächter des Körpers, entspannt sich fast unmerklich, und ich – ein Mann mit der Fähigkeit zur „Kontinenz“ – habe nun die Wahl: Gehe ich oder nicht? Doch heute ist der Ruf zu stark, und so entscheide ich mich, den Weg zum Klo zu gehen, wie es die Menschen im fortschrittlichen Dorfener Land tun: mit Intimität, mit Scham, mit der nötigen Diskretion.

Dort angekommen, finde ich mich in meinem kleinen, unscheinbaren Raum wieder, einem Ort der Ruhe und der Hingabe an die Biologie. Unter meinem Gesäß wartet das Sitzklosett auf seinen täglichen Dienst, das Wasser steht bereit, der Ablauf zum Siphon ist wie immer nach vorne gerichtet, zur Raummitte. Es ist ein Moment, der weder Heldentum noch Aufmerksamkeit verlangt – doch er ist irgendwie bedeutend, denn aus meinem Inneren entfällt die Last des Tages in Form von etwa 100 bis 200 Gramm, die ich in Form von Kot zu entsorgen habe.

Ich habe mir die Zeit genommen, meinen Haufen zu betrachten – Farbe, Konsistenz, das kleine bisschen Rostbraun, das von Sterkobilin herrührt. Der Duft, der nun in der Luft schwebt, ist ein Zeichen des Lebens, und auch wenn er eher von Indol und Skatol, Schwefelwasserstoff begleitet ist, bleibt er doch Teil von mir, meinem Körper, meinem Alltag. Manchmal, an vegetarischen Tagen, wenn die Ballaststoffe mehr Raum einnehmen, kann der Ausstoß auch bis zu 350 Gramm wiegen – ein beeindruckender Beitrag zur materiellen Welt, wie ich finde.

Nach der Entleerung wird mein Haufen durch das Spülen über das Siphon hinweg ins Abwassersystem befördert – doch nicht, bevor ich meine Inspektion durchgeführt habe. Ich schätze die Gelegenheit, einen Blick auf das zu werfen, was mein Körper in den letzten Stunden verarbeitet hat. Es ist fast wie ein kleines Ritual der Selbstkontrolle, eine stille Form der Reflexion über das, was mein Körper heute durchlebt hat.

Abschließend reinige ich mich sorgfältig – vierlagiges Tissue-Klopapier, Wasser und Seife, wie es sich gehört. Der Kreislauf schließt sich, der Raum bleibt für einen Moment für andere unbetretbar, der Tag kann weitergehen, und ich – ich bin wieder ein bisschen leichter. Ein bisschen freier. Denn, wie man so schön sagt: Es ist nie verkehrt, wenn der Darm sich entleert, auch wenn der Duft zuweilen das Gegenteil von Frische verspricht.

Und so verlasse ich das Klo, der Gang beendet, mein Dufthaufen längst verschwunden, und ich freue mich auf das nächste Ritual – den nächsten Moment, der weder Ruhm noch Rampenlicht sucht, sondern einfach nur ein Teil des Lebens ist.

Kapitel 2: Die Poesie meines Kots
Er ist mehr als ein Überrest – mein Kot. Ein stiller Zeuge dessen, was ich zu mir nahm, was mein Körper verwandelt, behalten oder losgelassen hat. In ihm liegt die Geschichte der letzten Mahlzeit, aber auch das Erbe einer tieferen, biologischen Wahrheit. Wie ein kleines Tagebuch meines Inneren, geschrieben in wärmer Erde, geformt durch Bewegung, Verdauung, Geduld.

Das Wort selbst – Kot – trägt Ursprünge in sich, die weit zurückreichen: gu̯ēdh- nannten ihn unsere indogermanischen Ahnen, „aufgeweichte Erde, schlammiger Schmutz“ – wie ein Abdruck der Natur selbst auf dem Pfad des Lebens. Und auch wenn das Wort heute selten mit Zärtlichkeit belegt ist, sehe ich in meinem eigenen Haufen ein Stück lebendige, flüchtige Kunst.

Was aus mir kommt, ist kein bloßer Abfall. Es ist ein vielschichtiges Werk: eine Masse aus unverdaulichen Ballaststoffen, aus übriggebliebenen Fetten, Stärken, Bindegewebs- und Muskelfasern – all jene Bestandteile, die mein Körper nicht braucht, und doch mit sich trägt, um sie geordnet wieder gehen zu lassen. Dazu Wasser – genau jene Menge, die mein Darm nicht zurückholte –, vermischt mit abgeschilferten Darmzellen, Schleim und den letzten Spuren meiner eigenen Enzyme.

Ein Viertel, manchmal ein Drittel, besteht aus Leben: aus den Mikroorganismen meiner Darmflora. Meist Bakterien, aber auch winzige Hefen wie Candida oder urtümliche Eukaryoten. Sie begleiten mich seit meiner Geburt, als ich – auf natürlichem Wege – durch den warmen Geburtskanal meiner Mutter glitt und in Kontakt kam mit den ersten Bakterien meiner Laufbahn. Was damals begann, lebt heute weiter, in enger Symbiose in meinem Inneren – und endet zu Teilen in meinem Haufen.

Doch mein Kot entsteht nicht einfach. Er ruht, er sammelt sich, er wird gehalten – liebevoll vom Gewebe meines Dickdarms, der sich in stiller Akkommodation anpasst, dehnt, speichert. Wenn ich will, kann ich ihn zurückhalten, ihn bewahren. Retrograde Bewegungen meines Darms ziehen ihn zurück, wie ein Künstler, der noch einen Pinselstrich zögert. Nur zwei-, manchmal dreimal am Tag entlädt sich der Körper dann, mit einer mächtigen, wellenartigen Peristaltik, Richtung Ausgang. Mein Rektum wird gefüllt – und ich weiß: Es ist Zeit.

Die Farbe meines Kots – dieses warme Braun, mal heller, mal dunkler – verdankt sich der Kunst der Bakterien. Sie verwandeln Bilirubin und Biliverdin aus der Galle zu Sterkobilin und anderen Pigmenten. So entsteht ein Farbton, der von der Erde zu stammen scheint – und doch aus meinem Innersten kommt.

Und dann ist da der Duft. Er ist keine feine Note, kein Parfüm. Er ist ehrlich. Eine Mischung aus Indol und Skatol, Schwefelwasserstoff und Alkanthiolen – geboren aus der Zersetzung von Proteinen und schwefelhaltigen Aminosäuren. Ein Geruch, der nicht lügt. Ein Duft, der mir sagt: Ich bin lebendig. Ich bin ein Allesfresser. Ich bin Natur.

Mein Kot – weich, meist zwischen 100 und 200 Gramm schwer, manchmal mehr, manchmal deutlich mehr – ist für mich kein Tabu. Er ist der Beweis, dass mein Körper arbeitet, verwandelt, loslässt. Dass in mir ein Rhythmus lebt, den kein Taktstock schlagen muss. Und so betrachte ich ihn manchmal, ehe ich ihn der Spülung übergebe, mit stillem Respekt. Wie ein Werk, das vollendet ist.

Kapitel 3: Die Lust am Schmutz
Es beginnt früh, dieses eigenartige Kribbeln, das sich irgendwo zwischen Bauch und Seele einnistet. Noch bevor ich ein Wort für die Welt finde, spüre ich, wie mein Innerstes gegen die Haut drängt – als wäre es ein kleiner Vulkan, der nicht nur ausbrechen, sondern auch gesehen, ja gefeiert werden will. Ich bin zwei Jahre alt, vielleicht drei, und zum ersten Mal gehört mir etwas ganz allein: mein Dufthaufen.

Die Lust am Schmutz – sie ist keine Abweichung, kein Fehltritt. Sie ist die zarte Erkundung des eigenen Seins durch das Herauslassen und Zurückhalten, durch das Spiel mit Druck und Entlastung. In dieser sogenannten analen Phase wird das Ausscheiden selbst zur Quelle kindlicher Befriedigung, ein erster Tanz mit der Macht über den eigenen Körper. Ich entdecke, dass ich etwas geben kann – und es zurückhalten, um den Moment der Entladung hinauszuzögern, bis die Schleimhaut glüht vor Reiz, bis ein Schauder durch mich geht.

Wenn ich will, halte ich meine Stuhlmassen zurück. Ich spüre, wie sie wachsen, wie sie sich aufstauen, wie sie mich ausfüllen, bis mein Inneres bebt vor Anspannung. Und wenn ich dann loslasse – gezielt, bewusst –, ist es mehr als nur Erleichterung. Es ist ein Triumph. Ein zarter, körperlicher Rausch. Die Lust an der Kontrolle, an der Befreiung, am Unerlaubten. Die Freude am eigenen Schmutz.

Die Erwachsenen um mich herum sprechen von Sauberkeitserziehung, von Erziehung überhaupt. Doch was ich in mir fühle, ist viel älter, viel ursprünglicher. Ich lerne mit jeder Windel, mit jedem kleinen Unfall, mit jedem stillen Moment auf dem Töpfchen: Schmutz ist nicht gleich Scham. Schmutz kann süß sein, weich, warm, vertraut. Manchmal wälze ich mich förmlich in ihm – innerlich, vielleicht auch körperlich – und fühle mich dabei so frei wie nie. Meine Mutter runzelt die Stirn, wenn ich wieder einmal nicht „sauber“ bin. Doch ich genieße das Chaos, das aus mir kommt. Noch ist nichts zu verlieren.

Ich weiß: In dieser Phase formt sich mehr als nur der Umgang mit Exkrementen. Es ist der erste Konflikt zwischen Trieb und Anstand, zwischen Hingabe und Zurückhaltung. Zwischen Ich und Über-Ich. Und nicht alle lösen ihn friedlich. Die Literatur spricht vom analen Charakter: ordnungsliebend, geizig, zwanghaft. Ich? Ich liebe eher das Gegenteil. Das Formlose. Das Weiche. Das Wilde.

Diese Lust bleibt. Sie wandelt sich, wächst mit mir. Später, wenn das Spiel mit dem Körper neue Formen annimmt – im Berühren, im Begehrtwerden – taucht sie wieder auf: die Spannung zwischen Reinheit und Verschmutzung. Nicht selten ist es die Vorstellung vom „Verbotenen“, vom „Unreinen“, die den Reiz ausmacht. Beim Analverkehr, beim Anilingus, beim Fisting – es ist oft das Fast, das Vielleicht, das Grenzenlose, das erregt. Der Gedanke daran, dass Schmutz möglich ist, macht die Lust tiefer.

Selbst unsere Sprache trägt Spuren dieser Faszination. Der Dirty Talk, das lustvolle Spiel mit derben Worten, lebt vom Tabubruch. Wenn Kotwörter zärtlich geflüstert oder trotzig herausgeschrien werden, ist das mehr als Provokation – es ist ein Akt der Befreiung. Es ist das Spiel mit Scham, Macht, Sinnlichkeit.

Und das alles ist nicht neu. Martin Luther selbst streute das Wort „Kot“ mit kräftiger Hand in seine Bibelübersetzung. Die französischen Revolutionäre zeichneten Kothaufen auf Flugblätter – als Zeichen der Verachtung, aber auch der Wahrheit. Und heute lächelt mich ein Emoji an, ein kleiner, freundlicher Haufen, der in der digitalen Welt für alles Mögliche steht: Scherz, Nähe, Menschlichkeit.

Ich lese Bücher darüber – Das Scheißbuch, Die Gesellschaft von unten, Dunkle Materie. Und ich verstehe: Ich bin nicht allein mit meiner Faszination. Die Lust am Schmutz ist eine uralte Kraft, tief vergraben in den Schichten unserer Kultur, unserer Kindheit, unseres Körpers.

Ich geh dann mal …

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