Samstag, 26. April 2025

Nua a doda Ratz is a guada Ratz

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Der Morgen hängt schwer über der Isen, feuchte Nebelschleier treiben träge über das Wasser, das Wehr rauscht dumpf in die Stille hinein. Ich gehe den Kiesweg entlang, als mein Blick an einem dunklen Fleck hängen bleibt. Eine tote Wanderratte liegt dort, starr, schmutzig, der Schwanz verkrümmt wie eine welke Ranke. Ein Schauder durchfährt mich. Abscheu steigt in mir auf, rau und kalt wie der Nebel um meine Füße. Sofort sind sie da, die alten Bilder: Ratten – Sinnbild des Ekels, Verräter, Plagegeister, geflügelt von Schimpfworten und dunklen Sprichwörtern. "Nur eine tote Ratte ist eine gute Ratte", höhnt mein erster Gedanke, genährt von Erzählungen über Rattenkönige, Rattenlöcher, sinkende Schiffe und verlorenes Vertrauen. Ich wende mich halb ab, doch etwas bremst meinen Schritt.

Ein leiser Schimmer erhebt sich über dem kleinen Körper, so fein, dass ich an meinem Verstand zweifle. Vor mir steht, in der ersten Sonne wie in silbernen Fäden gewoben, die Seele der Wanderratte. Ihre Augen sind ruhig, kein Vorwurf, keine Angst. Nur eine stumme, schwere Frage: "Warum verachtest du mich?" Ich höre mich antworten, ohne die Lippen zu bewegen: "Weil du für alles Schlechte stehst, was ich kenne." Da lächelt sie traurig, und die Luft zwischen uns scheint weicher zu werden. Bilder tauchen auf: Ganesha, der weise Gott, der auf einer Ratte reitet; Tempel in Indien, in denen tausende Ratten mit Liebe und Ehrfurcht genährt werden; ein chinesisches Tierkreiszeichen, das der Ratte Klugheit, Kreativität und Ehrlichkeit zuschreibt.

Die Stimme der Isen trägt diese Bilder zu mir, sie flüstern durch das Rauschen und lassen meine alten Gedanken bröckeln wie morsches Holz. Was, wenn nicht die Ratte das Problem ist, sondern die Geschichten, die wir über sie erzählen? In mir schwindet der Ekel wie Nebel im ersten Licht. Was bleibt, ist die stille Erkenntnis, dass Leben sich in vielen Formen zeigt – auch in jener, die wir lange verachtet haben. Ich verbeuge mich leicht, in Gedanken, als Zeichen stiller Bitte um Verzeihung, als der letzte Hauch der kleinen Seele in der Morgensonne vergeht.

Als ich weitergehe, begleitet mich eine Frage, die schwer auf meinen Schritten ruht und zugleich leicht wie ein Blatt auf der Wasseroberfläche treibt: Warum können wir die Ratten nicht positiv sehen?
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Antike - Frühe Wahrnehmung
Bereits in der Antike beschreiben griechische und römische Autoren Ratten als Plagegeister, die Vorräte vernichten. Positive Zuschreibungen sind selten.

Mittelalter - Dämonisierung
Im christlich geprägten Mittelalter gelten Ratten oft als dämonische Tiere, Boten des Teufels und Begleiter von Hexen.

1284 - Rattenfänger von Hameln
Im Jahr 1284 erscheint in Hameln ein Mann in buntem Gewand. Er verspricht, die Stadt gegen Bezahlung von ihrer schlimmen Rattenplage zu befreien. Die Bürger stimmen zu. Der Mann spielt auf seiner Pfeife, und alle Ratten folgen ihm zur Weser, wo sie ertrinken.
Als die Bürger ihm danach den versprochenen Lohn verweigern, verlässt er zornig die Stadt.
Am 26. Juni kehrt er zurück, diesmal als Jäger verkleidet. Während die Menschen in der Kirche sind, spielt er erneut auf seiner Pfeife. Nun folgen ihm die Kinder der Stadt. 130 Kinder verschwinden mit ihm in einem Berg und bleiben für immer verschwunden.
Nur wenige Kinder kehren aus Zufall zurück.

14. bis 18. Jahrhundert - Europäische Pestepidemien
Die Pest führt als Schwarzer Tod im 14.Jh. zu einer der verheerendsten Pandemien in Europa und bereits im 6.Jh. als Justinianische Pest zu Epidemien im Mittelmeerraum.
Überträger der Pest sind in diesen Zeiträumen jedoch nicht die Wanderratte, sondern die Hausratte.

16. Jahrhundert - Erste Pesttheorien
Obwohl der Zusammenhang zwischen Ratten und Pest noch unbekannt ist, werden Ratten zunehmend mit Krankheit und Tod assoziiert.

Vor 18. Jahrhundert - Autochthone Art
Die Wanderratte, ein Nagetier aus der Familie der Langschwanzmäuse, ist nur im gemäßigten, nördlichen Ostasien heimisch. Das Areal umfasst den Südosten Sibiriens, den Nordosten Chinas sowie die japanischen Inseln Honshū, Shikoku und Kyūshū.
Hier bewohnen sie Wälder und buschreiches Gelände.

18. Jahrhundert - Weltweite Einbürgerung
Die weltweite unbeabsichtigte Einbürgerung der Wanderratte erfolgt im 18.Jh. überwiegend per Schiff.
Eingeführte Populationen sind überwiegend auf den menschlichen Siedlungsbereich beschränkt, und in wärmeren Klimaten ist die Art nur in den von Menschen am stärksten veränderten Lebensräumen und meist nur in Küstennähe anzutreffen.
Die weltweite Einbürgerung der Wanderratte durch den Menschen hat vielfach erhebliche negative Auswirkungen auf die Tier- und Pflanzenwelt insbesondere von Inseln. Insgesamt ist der negative Einfluss aber deutlich geringer als bei der Hausratte, unter anderem weil sich die Wanderratte vor allem in den Tropen deutlich schlechter etablieren kann und hier vielfach an menschliche Siedlungen oder an offenes Süßwasser gebunden ist.

1760 bis 1780 - Schiffsratten
Erste Nachweise aus Amerika stammen von 1745, die Hauptbesiedlung Nordamerikas erfolgt als Schiffsratten mit der großen britischen Einwanderungswelle zwischen 1760-1780.

1842/1949 - Verursacher von Qualen
In der Literatur tauchen Ratten als Verursacher schlimmster seelischer und körperlicher Qualen auf, etwa in Edgar A. Poes Die Grube und das Pendel oder George Orwells 1984.

1850 - Pest-Pandemie in China
Die Wanderratte ist, zusammen mit der Hausratte, Hauptreservoir der von China Mitte des 19.Jhs. ausgehenden Pest-Pandemie, der weltweit etwa 12 Millionen Menschen zum Opfer fallen, vor allem in Indien.

1870/1871 - Rattenfleisch
Während der Belagerung von Paris, während des Deutsch-Französischen Krieges in den Jahren 1870–71, wird das Fleisch von Ratten und Katzen zum Verkauf angeboten, da die Pariser Bevölkerung hungert.

1893 - Otto von Bismarck
In der Politik werden Gegner, die man vernichten möchte, mitunter als Ratten bezeichnet.
Otto von Bismarck bezeichnet 1893 die SPD als „die Ratten im Land“, die „vertilgt werden“ sollten.

1894 - Entdeckung des Pestbakteriums
Der französische Arzt Alexandre Yersin entdeckt 1894 den Erreger der Pest (Yersinia pestis) und erkennt später die Rolle von Ratten und Flöhen bei der Verbreitung.

20. Jahrhundert - Verdrängung der Hausratte
Bedingt durch die veränderte Bauweise von Häusern und Schiffen hat die Wanderratte die Hausratte im 20.Jh. weitgehend verdrängt.

1908 - Der Wind in den Weiden
Manche Kinderbücher, wie z.B. die Ratte in Kenneth Grahames Buch Der Wind in den Weiden von 1908, versuchen der Ratte durch eine positivere „Charakterisierung“ gerechter zu werden.

1910 - Die schwarze Ratte
In Jack Londons Roman König Alkohol wird eine Rattenplage als Symbol für menschlichen Verfall und Elend dargestellt.

1924 - Mein Kampf
In der NS-Propaganda werden Juden oft mit Ratten gleichgesetzt. Adolf Hitler schreibt z.B. in Mein Kampf, Juden sind sich nur in der Aussicht auf Beute oder bei Gefahr einig: „fallen beide Gründe weg, so treten die Eigenschaften eines krassesten Egoismus in ihre Rechte, und aus dem einigen Volk wird im Handumdrehen eine sich blutig bekämpfende Rotte von Ratten“.

1960er - Labortiere
Die Wanderratte wird zum wichtigsten Versuchstier in der medizinischen Forschung. Ihre Intelligenz und Anpassungsfähigkeit werden zunehmend anerkannt.

1970er bis 1990er - Tierhorrorfilme
Im Tierhorrorfilm kommt die Ratte in der Regel nicht gut weg – Beispiele sind unter anderem Willard (1971), Ben (1972), Die Insel der Ungeheuer (1976), Unheimliche Begegnung (1983) oder Die Stunde der Ratte (1989).
Doch auch andere Genres schicken Ratten als Protagonisten ins Rennen, wie die Horrorfilme Der Rattengott (1976) und Nachtschicht (1990) oder die Dystopie Riffs III – Die Ratten von Manhattan (1984).

1978 - Franz Josef Strauß
Der CSU-Politiker Franz Josef Strauß lehnt 1978 ab, den Journalisten Bernt Engelmann wegen dessen Veröffentlichungen über Strauß’ Engagement in der NS-Zeit auf Unterlassung zu verklagen, denn „gegen Ratten und Schmeißfliegen“ führe man keine Prozesse.

1986 - Film "Die Ratte"
In Deutschland erscheint der Film Die Ratte von Martin Buchhorn, in dem Ratten für soziale Missstände und die Schattenseiten der Gesellschaft stehen.

1995 - "Mrs. Frisby und die Ratten von NIMH"
Die Kinderbuchverfilmung zeigt Ratten als hochintelligente, sympathische Wesen, die um ihr Überleben kämpfen und ethische Werte vertreten.

21. Jahrhundert - Haustier und Sympathieträger
Vor allem die Farbratte wird als Haustier beliebter. Positive Eigenschaften wie Verspieltheit, Klugheit und Anhänglichkeit stehen im Vordergrund.

2007 - Ratatouille
Die Ratte wird zunehmend auch als intelligente, positive Figur dargestellt, z.B. in den computeranimierten Filmen Flutsch und weg von 2006 und Ratatouille von 2007.

Seit 2020 - Ökologische Forschung
Ratten werden zunehmend auch in der Umweltforschung eingesetzt, etwa zur Erkennung von Landminen (z.B. die berühmten "HeroRATS" in Afrika).

2025 - Reservoir des Pesterregers
Wander- und Hausratte sind nur noch in wenigen Regionen der Erde wichtige Reservoirs des Pesterregers, hierzu zählen Madagaskar, Indien und die Demokratische Republik Kongo.
Die Wanderratte zählt heute zu den häufigsten Säugerarten der Welt, der Bestand ist weitgehend stabil. Die Art ist weltweit ungefährdet.

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