Freitag, 25. April 2025

Meine Badewanne

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Es ist ein ganz gewöhnlicher Ort, und doch einer der intimsten und vertrautesten in meinem Zuhause: meine Badewanne in Dorfen. Sie steht still, schlicht und geduldig da – ein schlichtes Behältnis, das ich zur Körperhygiene und zur Entspannung benutze. Aber sobald ich eintauche, verwandelt sie sich. Sie wird zur Muschel, zur schützenden Hülle, zur Zeitmaschine in ferne Welten – und manchmal sogar zu einem Fenster in die Tiefen meiner Herkunft.

Sie ist so geformt, dass ich mich in ihr ganz ausstrecken kann. Sobald ich liege, umarmt mich das Wasser sanft, als hätte es nur auf mich gewartet. Mein Körper wird bedeckt, fast schwerelos. Ich schließe die Augen – und schon beginnt die Reise.

Gehe ich baden, denke ich oft an ein früheres Leben am oder im Wasser. Irgendetwas tief in mir fühlt sich dort zu Hause. Und kaum fließt das Wasser über meine Haut, kommt mir die alte, fast vergessene Idee in den Sinn – die Wasser-Affen-Hypothese. Hat wirklich ein Zweig der menschlichen Vorfahren zeitweise ein semi-aquatisches Leben geführt? Haben sie am Ufer von Seen oder Meeren gelebt, sind sie ins Wasser gestiegen, auf Nahrungssuche oder auf der Flucht vor Raubtieren?

Ich sehe Bilder vor mir – schemenhaft, wie durch Wasserdampf auf einer spiegelnden Oberfläche. Ich spüre den Zusammenhang zwischen mir und jenen fernen Ahnen. Ich besitze – im Vergleich zu anderen Primaten – eine auffällige Fettschicht unter meiner Haut, wie ich sie bei vielen Wassertieren finde. Vielleicht ist das kein Zufall. Vielleicht ist es Erinnerung – gespeichert im Gewebe.

Und ja, auch mein Vellushaar – kaum sichtbar, aber spürbar – erzählt seine eigene Geschichte. Es wächst nach unten, in einem regelmäßigen Muster, das sich sanft an meine Körperkonturen schmiegt. Es folgt einer inneren Ordnung, wie eine Strömung, die mich umfließt – von oben nach unten an Armen, Beinen, Rücken. Vielleicht dient es dazu, Reibung zu verringern, Wasser besser abfließen zu lassen, den Körper zu belüften – ganz wie bei Geschöpfen des Meeres.

Ich verweile stundenlang. Das Wasser kühlt langsam aus, doch ich bleibe, bis meine Haut schrumpelig wird wie die eines alten Mannes – dabei bin ich erst 66 😄. Ein weiteres Indiz für mein verlorenes Leben im Wasser? Vielleicht.

Ich rechtfertige mein Baden oft damit, dass ich beim stundenlangen Duschen ohnehin mehr Wasser verbrauche als beim stundenlangen Baden. Doch in Wahrheit geht es um mehr. Es ist ein Ritual. Ein Rückzug. Ein Eintauchen in mich selbst. Und manchmal – wenn mich die Migräne plagt und ich im warmen Wasser liege – spüre ich, wie sie sich auflöst, wie ein Nebel, der sich im Sonnenlicht auflöst. Sobald ich die Wanne verlasse, kehrt der Schmerz zurück. Auch das – ein stilles Zeichen aus alten Zeiten?

Doch bevor ich mich weiter treiben lasse – nun ein Überblick, wie ich überhaupt zu meiner Badewanne gekommen bin...
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Steinzeit - Tümpel-Badewanne
Tümpel an heißen Quellen werden schon seit Menschengedenken von Mensch und Tier zum Baden genutzt.

Ca. 3300 v. Chr. – Frühe Sanitärsysteme
In der Indus-Kultur (heutiges Pakistan und Nordwest-Indien) existieren bereits fortschrittliche Sanitärsysteme mit Abflüssen und Badanlagen.

Ca. 1700 v. Chr. – Badewanne in Knossos
Im Palast von Knossos auf Kreta wird eine Badewanne aus gebranntem Ton gefunden, die als eine der ältesten bekannten Badewannen gilt.

13. Jahrhundert v.Chr. - Palast-Badewanne
Badewannen gibt es aus verschiedenen Materialien. Im Palast des Nestor bei Pylos ist eine tönerne Badewanne aus dem 13. Jahrhundert v.Chr. zu sehen.

ca. 500 v.Chr. bis 500 n.Chr. - Römischer Waschzuber
In Griechenland und Rom achten die Menschen sehr auf Körperpflege. In öffentlichen Thermen baden sie in großen Becken. Zu Hause benutzen sie kleinere Gefäße – darunter auch hölzerne oder bronzene Waschzuber. Diese Zuber sind einfach, aber funktional, und stehen oft in der Nähe des Herdes oder im Hof.

5. Jahrhundert v.Chr. - Sybaritische Geschichten
Das sybaritische Luxusleben wird zum Gegenstand von zahlreichen Anekdoten, von denen einige im Gelehrtenmahl des Athenaios überliefert sind.
Als Kulturleistungen und Erfindungen der Sybariten werden von Athenaios die Badewanne und der Nachttopf genannt.
Ein Waschzuber ist ein großes, rundes Gefäß – meist aus Holz, später auch aus Metall –, das Menschen für die Körperpflege, das Baden oder das Waschen von Kleidung verwenden. Solche Behältnisse gehören seit mehreren Tausend Jahren zum Alltag.

216 v.Chr. - Ich hab es gefunden!
Archimedes wird von König Hieron II. von Syrakus beauftragt, herauszufinden, ob dessen Krone wie bestellt aus reinem Gold ist oder ob das Material durch billigeres Metall gestreckt wurde.
Diese Aufgabe stellt Archimedes zunächst vor Probleme, da die Krone natürlich nicht zerstört werden darf. Schließlich hat Archimedes den rettenden Einfall, als er zum Baden in eine bis zum Rand gefüllte Wanne steigt und dabei das Wasser überläuft.
Er erkennt, dass die Menge Wasser, die übergelaufen ist, genau seinem Körpervolumen entspricht.
Vor lauter Freude läuft er dann, nackt wie er ist, durch die Straßen und ruft „Eureka!“ („Ich habe es gefunden“).

ca. 500 bis 1500 - Einmal im Monat?
In Europa gerät im Mittelalter die öffentliche Badekultur ins Hintertreffen – wegen Krankheiten, Kälte und kirchlicher Moralvorstellungen.
In privaten Haushalten gewinnt der Waschzuber an Bedeutung. Er steht meist in der warmen Stube, in der Küche, im Waschraum oder in eigenen Waschhäusern.
Die Menschen befüllen ihn mit Wasser aus dem Kessel und baden darin – allerdings nicht oft, meist nur zu besonderen Anlässen oder Festtagen.

ca. 1500 bis 1800 - Alle im selben Wasser
Der Waschzuber bleibt in der Frühen Neuzeit ein alltäglicher Gebrauchsgegenstand. Familien baden nacheinander im selben Wasser. In ländlichen Regionen und Handwerkerhäusern ist der Zuber oft das einzige Bademittel.
Holz bleibt das häufigste Material, doch auch verzinnte Zuber kommen allmählich auf.

1793 - Badewannen-Mord
In der bildenden Kunst findet sich das Motiv der Badewanne u.a. bei dem klassizistischen Maler Jacques Louis David, der 1793 den Volkshelden der französischen Revolution Jean-Paul Marat ermordet in seiner Badewanne verewigt.

19. und 20. Jahrhundert - Zinkblech, Kupfer oder Emaille
Mit der Industrialisierung entstehen Zuber aus Zinkblech, Kupfer oder Emaille.
In Städten setzen sich langsam fest installierte Badewannen durch – vor allem bei wohlhabenden Bürgern.
Auf dem Land bleibt der Waschzuber bis weit ins 20.Jh. hinein die übliche Form des Badens. Manche Menschen stellen ihn sogar in den Garten oder Stall, um bei wärmerem Wetter draußen zu baden.

1842 – Erste gusseiserne freistehende Badewanne
Die Mott Iron Works Company in New York stellt die erste freistehende Badewanne aus Gusseisen her, die mit Porzellan emailliert ist.

1883 – John Michael Kohlers Innovation
Kohler verwandelt eine gusseiserne Viehtränke in eine Badewanne, indem er sie emailliert und mit dekorativen Füßen versieht, was zur Popularität der freistehenden Badewannen beiträgt.

Ab 1900 - Frankfurter Bad
Bevor das Badezimmer allgemein verbreitet ist, gibt es eine Übergangsform, das Frankfurter Bad. Die Badewanne befindet sich bei dieser Art von Wohnung in der Küche oder im Schlafzimmer.

1906 - Emaillierte Stahlbadewannen
1906 beginnt das Brühler Rankewerk weltweit als erstes Unternehmen mit der Produktion von emaillierten Stahlbadewannen, die im Laufe des Jahrhunderts die gusseisernen Wannen zunehmend vom Markt verdrängen.

1940er – Einführung der Whirlpool-Badewanne
Candido Jacuzzi entwickelt eine tragbare Pumpe zur Hydrotherapie, die später zur ersten Whirlpool-Badewanne führt.

1950er - Badezimmer
Eine allgemeine Verbreitung von Badezimmern in Deutschland findet erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts statt.
Bei Neubauten in den 1950ern spricht man noch von einer „Nasszelle“.
Zuvor wurde in Wannen, Bottichen oder Zubern in der Küche, Waschküche oder in Städten in öffentlichen Bädern, den so genannten Volksbädern, gebadet.
Ein Badezimmer konnten sich bis in die 1950er nur sehr wohlhabende Leute leisten.

1958 – Herzförmige Badewanne
Morris Wilkins erfindet die herzförmige Badewanne, die in den 1960er in Flitterwochen-Resorts in den USA populär wird.

1963 - Bathtub No. 3
Der Pop-Art Künstler Tom Wesselmann betitelt 1963 eine seiner großformatigen Assemblagen u.a. „Bathtub No. 3“ (Museum Ludwig, Köln).

1976 - Joseph Beuys’ Badewanne
Öffentliches Aufsehen erregt ein Fall, bei dem bei einer Feier der SPD Leverkusen im Museum Morsbroich Joseph Beuys’ Badewanne zweckentfremdet wird. Die Badewanne ist mit Heftpflastern und Mullbinden versehen und Teil einer Wanderausstellung des Wuppertaler Von der Heydt-Museums.
Hilde Müller und Marianne Klein entdecken diese Wanne bei der Suche nach einem geeigneten Gefäß zum Spülen ihrer Gläser und reinigen sie.
Als Folge muss die Stadt Wuppertal 1976 58.000 DM Schadensersatz an den Kunstsammler Lothar Schirmer zahlen.

1978 - Herren im Bad
Der Komiker und Cartoonist Loriot wählt die Badewanne als Schauplatz einer absurden Kommunikation in dem Zeichentrickfilm Herren im Bad.

1990er - Kunststoff-Badewannen
Seit den 1990er Jahren nimmt der Anteil der Badewannen aus Kunststoff (Acryl oder GFK) immer mehr zu.
Ab 2004 können die Stahl-Email-Wannen jedoch wieder Marktanteile zurückgewinnen, da sie bis zu 20 Jahre halten und sich bei einer eintretenden Mattierung der Oberfläche auch neu lackieren lassen.
Aufgrund höherer Herstellungs- und Materialkosten sind seltener auch Kupferbadewannen und Marmorbäder zu finden.

2002 - Potentialausgleich
Nachdem die neue DIN VDE 0100 Teil 701 erscheint, müssen Dusch- und Badewannen aus Stahl oder Gusseisen nicht mehr mit der Potentialausgleichschiene verbunden werden. Allerdings spricht auch nichts dagegen, solche Wannen weiterhin in den Potentialausgleich einzubeziehen.

2020 - Aktuelle Trends
Freistehende Badewannen, insbesondere im Vintage-Stil wie die Clawfoot-Tubs, erleben eine Renaissance. Moderne Materialien und Designs ermöglichen eine Vielzahl von Formen und Funktionen, einschließlich integrierter Whirlpool-Systeme und ergonomischer Gestaltung.

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